Berlinale 2018 – Tag 6 | Ein schweigendes Klassenzimmer und ein Goldener Ehrenbär für Willem Dafoe

Das tägliche BERLINALE-TAGEBUCH 2018

Halbzeit bei der BERLINALE 2018. Am 6. Tag verbrachten wir den Vormittag am Berliner Bebelplatz und dem Luxushotel Hotel de Rome, wo wir Interviews mit den Stars des mitreißenden neuen Films von Regisseur Lars Kraume, DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER, führten, der bei den Internationalen Filmfestspielen gestern seine Weltpremiere feierte. Daberi trafen wir auf den Regisseur genauso wie auf die im Film überzeugenden Jungdarsteller Leonard Schleicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski und Ronald Zehrfeld. Die Interviews gibt es in den nächsten Tagen bei uns zu sehen, die Kurzkritik findet ihr weiter unten.

Am Mittag verneigten wir uns dann bei Joaquin Phoenix, Udo Kier und den gestern schon im Hebbel am Ufer angetroffenen Regisseur Gus Van Sant, die in einer Pressekonferenz ihren neuen Film DON’T WORRY HE WON’T GET FAR ON FOOT darstellten, der beim anschließenden Screening im Berlinale Palast, bei dem wir natürlich auch vor Ort waren, seine Internationale Premiere feierte.

Aber nicht nur diese Stars gaben am Dienstag dem Pressekonferen-Saal im Hyatt Hotel einen glamourösen Touch. Noch ein anderer ruhigerer, aber umso witzigerer Zeitgenosse, Hollywoodstar und dieses Jahr bei den Oscars als Bester Nebendarsteller für den Film THE FLORIDA PROJECT Nominierter machte im Saal Halt – Willem Dafoe. Als Preisträger des Goldenen Ehrenbären in diesem Jahr beantwortete er mit viel Eloquenz die Fragen der  Presse über sein Lebenswerk und seine Filme und ließ sich am Abend auch bei der offiziellen Verleihung des Goldenen Ehrenbären im Berlinale Palast von Publikum, Festivaldirektor Dieter Kosslick und Laudator und Freund Wim Wenders feiern. Und so nett wie er ist, fragte er sogar noch bei der Verleihung die umstehenden, knipsenden Fotografen, ob er gehen könne oder sich für sie  noch einmal in Pose stellen könnte. Ein wahrlich netter, sympathischer Zeitgenosse, der heute am frühen Abend im Berliner Hebbel am Ufer noch einmal bei einem öffentlichen Talk über sein Lebenswerk zu sehen ist.

Welche Filme wir am Dienstag sahen, lest ihr im Folgenden:

DON’T WORRY HE WON’T GET FAR ON FOOT / SEKTION WETTBEWERB

Don’t Worry He Won’t Get Far On Foot / Cpyright: © 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

DON’T WORRY HE WON’T GET FAR ON FOOT poträtiert den amerikanischen Cartoonisten Bill Callahan, basierend auf seinen eigenen Memoiren. Vor allem für seinen schrägen, schwarzen Humor und sein starkes Alkoholproblem bekannt, war Bill Callahan  nach einem Unfall bei einer Sauftour ab dem 21. Lebensjahr querschnittsgelähmt und ab sofort an ein Rohlstuhl gefesselt. In dem neuen Film von Gus van Sant verkörpert Joaquin Phoenix den Mann in allen Facetten und zeigt sich als Charakterdarsteller, der es auf großartige Weise versteht allein mit seinen Blicken und Gesten die Verzweiflung des Mannes realistisch zu mimen, als auch seine Entwicklung hin zum alle Hürden des Lebens trotzdenden “Krüppels” zu meistern, der mit viel Sarkasmus, Ironie und schwarzem Humor, durch Besuche bei einer Anonymen-Alkoholiker-Truppe und vielen tiefgründigen Gesprächen mit dem von Jonah Hill verkörperten Hippie und Therapie-Guru Donny wieder an Lebensfreude gewinnt und eine Sache gar nicht will: Mitleid.

Der im Kampf gegen den Alkohol beginnt Cartoons zu zeichnen und mit seinem politisch unkorrekten Humor gegen verschiedenste Gruppen wie Behinderte, Schwule, Alkoholiker oder Katholiken zwar auch Kritik einstecken muss, aber meist gefeiert wird. Wie beispielsweise von dem leider bereits verstorbenen Hollywoodstar Robin Williams. Der nannte ihn einst “den lustigsten Mann auf vier Rädern”, sicherte sich die Filmrechte an seiner Autobiografie und wollte unter der Regie von Gus Van Sant ihn dann auch selbst verkörpern. Daraus wurde jedoch nichts, kam ihm doch sein tragischer Suizid vor vier Jahren dazwischen.

In weiteren Rollen top: Kim Gordon von der Band Sonic Youth, die Gossip-Sängerin Beth Ditto wie auch Jack Black als Unfallverursacher.  DON’T WORRY HE WON’T GET FAR ON FOOT ist ein  emotionales, seelenvolles Außenseiter-Drama, das trotz der schweren Thematik leichtfüßig daherkommt. Ein Biopic, dass weniger das ganze Leben des Cartoonzeichners abbilden will und die Geschichte um seine abwesende, leibliche Mutter nur in Grundzügen anreißt. Dass sich dafür umso mehr für den Kampf gegen seine Alkoholsucht interessiert und wie aus dem Kampf heraus Kreativität erwuchs und Kunst entstand. Auch amüsant: Die von Gus Van Sant im Laufe des Films immer wieder eingestreuten, animierten Cartoon-Zeichnungen von Bill Callahan.

Weitere Vorstellungen:

21.02. 09h30 Friedrichstadt-Palast
21.02. 12h30 Haus der Berliner Festspiele
21.02. 17h30 Friedrichstadt-Palast
23.02. 12h30 Zoo Palast 1
25.02. 14h30 Friedrichstadt-Palast

THE HUNTER / SEKTION HOMMAGE

The Hunter / COPYRIGHT: Quelle: Ascot Elite Entertainment, © Matt Nettheim

In THE HUNTER aus dem Jahr 2011 macht sich Willem Dafoe als Söldner auf die Jagd nach dem letzten Tasmanischen Tiger, um für sein Biotech-Unternehmen das Genmaterial des als augestorben geltenden Tieres sicherzustellen. Ein Film über die Gentechnik einerseits und ein Wildnis-Abenteuer anderseits. ,Der in ruhigen Bildern erzählt ist, vor allem von den beeindruckenden Bldern der Natur Tasmaniens und der schauspielerischen Leistung von Willem Dafoe selbst lebt. Der mit Gestik, Mimik und Körper sein ganzes Facettenreichtum als Schauspieler überzeugend zu zeigen weiß. Ein Film, der zeigt, was für ein großartiger Schauspieler der Mann mit dem ausgemergelten Gesicht ist. Und zu Recht bei der diesjährigen BERLINALE 2018 mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wurde.

Weitere Vorstellungen:
24.02. 19h00 Zeughauskino

SHUT UP AND PLAY THE PIANO / SEKTION PANORAMA

Shut Up And Play The Piano / Copyright: © Rapid Eye Movies / Gentle Threat

Vom Elektro-Rapper zum Pianisten – die Dokumentation SHUT UP AND PLAY THE PIANO zeichnet den Weg des virtuosen Musikers Chilly Gonzalez, der sich in abgeranzten Berliner Clubs an der Seite von Musikern wie Peaches, Feist und Jarvis Cocker einen Namen machte und in einer absurden Pressekonferenz zum Präsident des Berliner Untergrunds erklärte.

Doch wenig später mit seinem Album “Solo-Piano” einen Genre-Bruch hinlegte und plötzlich als Pianist durch die Philharmonien dieser Welt tingelte. Die Zuschauer dabei mit Shows begeisterte, die alles andere als für das Klassik-Publikum als gewöhnlich deklariert werden können. Wenn er mit den Füßen auf den Tasten spielt oder  durch die Klassikkonzert-Säle crowdsurft. SHUT UP AND PLAY THE PIANO ist eine sehr temporeiche Doku, die Chilly Gonzales als Entertainer zeigt, der sowohl schlagfertig, witzig wie auch geistreich ist. Eine Doku, die Chilly Gonzalez Auftritte mit Archivmaterial, nachgestellten Szenen, einem Interview mit der deutschen Autorin Sibylle Berg und Gesprächen mit Weggefährten wie Peaches, Feist und Jarvis Cocker mixt und nicht nur für Fans geeignet ist, um die Faszination Chilly Gonzales zu verstehen.

Weitere Vorstellungen:
25.02. 15h00 Colosseum 1

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER / SEKTION SPECIAL GALA

Das schweigende Klassenzimmer / Cpyright: © Studiocanal GmbH / Julia Terjung

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER ist nach DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER der nächste Film von Regisseur Lars Kraume, der sich mit der Lebenssituation im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzt. Basierend auf einer wahren Begebenheit, die sich im Jahr 1956 in Storkow abspielte, im Film nur verlegt nach Stalinstadt, erzählt er die Geschichte von einer Klasse von Schülern, die nach der Sichtung der brutalen Bilder des Volksaufstandes in Ungarn in der Wochenschau beschließen eine symbolische Schweigeminute für die Opfer abzuhalten, doch damit ins Visier der Staatssicherheit geraten. Es kommt soweit, dass sogar der Volksbildungsminister die Schule besucht und die Schüler dazu auffordert den Rädelsführer zu benennen, sonst drohen Konsequenzen. Doch die Schüler halten zusammen, lassen sich weder von den Behörden erpressen, noch beugen sie sich dem Druck der Eltern. Ein guter, mitreißender Film über Solidarität und ziviler Ungehorsam, über Protest und stiller Widerstand. Mit der Botschaft, dass, frei assoziativ gedacht, Schweigen Gold sein kann. Mit einer tollen Gruppe an Jungdarstellern wie Jonas Dassler, Leonard Schleicher und Tom Gramenz, die genauso überzeugen können, wie der Schuldirektor Florian Lukas und der Vater eines der Schüler, Ronald Zehrfeld. Ein wichtiger, interessanter Film über noch an Politik und Gesellschaft interessierte Jugendliche, die sich nach den Schrecken des 2. Weltkrieg in einer Zeit des Neuanfangs ausdrücken wollen.

Weitere Vorstellungen:
21.02. 09h30 Haus der Berliner Festspiele

23.02. 21h30 Kino Casablanca
25.02. 09h30 Haus der Berliner Festspiele

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