Berlinale 2018 – Tag 4 | Berlinale Street Food Markt, Berlinale Talents und eine Hommage auf Oscar Wilde

Das tägliche BERLINALE-TAGEBUCH 2018

Sonntag ist ja eigentlich Ruhetag. Wir gönnten uns deshalb am 4. Festivaltag bis zum Mittag eine kleine Kino-Auszeit und besuchten statt den hießigen Kinosälen der BERLINALE 2018 lieber den “Berlinale Street Food Markt” und den Haupt-Veranstaltungsort der am Samstag gestarteteten Event-Reihe der BERLINALE TALENTS, das “Hebbel am Ufer” in Kreuzberg. Dabei treffen hier  auch dieses Jahr wieder junge Filmemacher auf gestandene Profis der Branche, die den Talenten in Workshops, Talks und Get-Together-Veranstaltungen ihr ausgiebiges Expertenwissen mitgeben. Hatten wir uns also mit einem leckeren Burger und vorzüglichem Mexican Food den Bauch vollgeschlagen, ging es für uns diesmal zum BERLINALE TALENTS-Talk zum Thema “New Frontiers: Brothers and sisters of the west” mit David und Nathan Zellner, den Regisseuren der von uns gestern beschriebenen Westernkomödie DAMSEL mit Robert Pattinson. Dabei erklärte uns das Brüderpaar ihre Liebe zum Western und John Wayne. Schlug uns vor, wie man die Dekonstruktion des  klassischen Western-Genres in ihrem neuen Film lesen könnte. Und erzählte uns ihren Werdegang zum Beruf des Regisseurs, bei dem dann auch mehrere ihrerer eigenen Kurzfilme im Saal gezeigt wurden. Den Talk in voller Länge könnt ihr euch hier anschauen:

In diesem Zug können wir auch noch auf den zuvor geführten Talk mit Regisseur und dem diesjährigen Jury-Präsidenten Tom Tykwer verweisen, den wir aus Zeitgründen zwar nicht besuchen konnten, aber ihn uns natürlich trotzdem ebenfalls schon zu Gemüte führten. Schaut ihn euch hier an:

Bei so viel Talks und gutem Essen kann man die Filme schon fast wieder leicht aus den Augen verlieren. Doch keine Angst. Uns trieb es später dann, wie ihr unten sehen könnt, auch am Sonntag wieder in die Kinos. Erstmals stand dabei dieses Jahr auch das Haus der Berliner Festspiele auf unserem Programm. Ein Haus, dass wie der Friedrichstadt-Palast normalerweise eher als Veranstaltungsort für Theater und Musicals genutzt, aber für die BERLINALE  zu einem Kino umfunktioniert wird. Was wir dort von den Filmscreenings zu THE HAPPY PRINCE und DOVLATOV hielten und welche Filme am Sonntag bei uns noch auf der Watchlist standen, erfahrt ihr hier:

THE HAPPY PRINCE / SEKTION SPECIAL GALA

The Happy Prince / Copyright: © Wilhelm Moser

Er war einer der berühmtesten Dandys des 19. Jahrhunderts – Oscar Wilde. In THE HAPPY PRINCE verneigt sich Regisseur Rupert Everett tief vor dem legendären Londoner Gentleman und zeigt ihn dennoch so gebrochen wie selten zuvor. Die besten Zeiten hat der britische Lebemann in diesem neuen Künstler-Porträt längst hinter sich und mit ihnen etliche Liebesbeziehungen, Skandale und Zuchthaus-Aufenthalte wegen seiner Homosexualität.  Rupert Everett, der Oscar Wilde in seinem neuen Film selbst virtuos verkörpert, interessiert sich nicht für die glamourösen Zeiten des geistreichen, humorvollen und exzentrischen Intellektuellen, sondern poträtiert ihn in seinen späten Jahren, als er nach dem Aufenthalt im Zuchthaus verarmt und krank entlassen wird, um sein Leben weiter im Exil in Paris weiterführen zu können.

Er zeigt einen Mann, der alles verloren hat und doch immer wieder an alten Gewohnheiten festhalten will. Ob an alten Liebesaffären mit jungen Lords, Drogen oder Alkohol. Vom Exzessiven kann er auch nicht lassen, wenn er eigentlich schon längst über seinen Verhältnissen lebt. Bestes Beispiel dafür ist sein geheimes Versteck für Champagner hinter dem Schrank und on zwei Gläsern unter dem Bett. Oscar Wilde ist in diesem Film ein elendiger Anblick, dass man mit ihm Mitleid haben muss.

Der Film will Oscar Wilde in seiner miserablen Lage dabei aber keineswegs demontieren, sondern gebührt ihm in unzähligen Szenen, wo die sprachliche Eloquenz und die Geschichtenerzähler-Gabe aufblitzen gebührend Respekt , ohne ihn zum unantastbaren Helden zu machen. Ein Künstler-Porträt, dass vor allem dann Menschlichkeit zeigt, wenn seine Freunde immer wieder versuchen ihn vor sich selbst und seinen Dämonen zu schützen. Eine schöne Hommage, die wundervoll mit eingestreuten Rückblenden und Traumsequenzen inszeniert und ehrbürtig von Rupert Everett, Colin Firth, Emily Watson, Colin Morgan & Co. gespielt wird.

Weitere Vorstellungen:
25.02. 09h30 Friedrichstadt-Palast

DOVLATOV / SEKTION WETTBEWERB

Dovlatov / Copyright: SAGa Film

Der russische Wettbewerbsbeitrag DOVLATOV von Alexey German Jr. ist ein fesselndes Biopic über den russisch-jüdischen Schriftsteller Sergej Dovlatov und gleichzeitig ein zeitloses Porträt über Russland in der Breschnew-Ära. Es geht um das alte Schicksal vieler Künstler zu Lebzeiten für ihre Kunst verspottet zu werden und den Schmerz dieser Kreativen einerseits gegen diese Ablehnung mit Rebellion zu reagieren, andererseits doch mit der Verzweiflung klarkommen zu müssen, finanziell irgendwie dennoch über die Runden zu kommen. Ein Teufelskreislauf, in der sich Hoffnung und Depression gegeneinander ausspielen.

Auch Sergej Dovlatov hat in diesem Film damit zu kämpfen, dass seine grandios-ironischen Prosa- und Lyrik-Beiträge von den Medien abgelehnt  und seine aufmüpferische Sichtweise nicht akzeptiert werden. Mit wuchtigen und punktgenauen Dialogen exzerziert Regisseur Alexey German Jr. die Kleingeistigkeit einer Gesellschaft für die alles Neue in der Welt mehr als Gefahr als Chance gesehen wird. Dabei erhebt er Sergej Dovlatov zu einem Mann voller Scharfsinnigkeit, der mit Witz und Pointiertheit nicht etwa seine Mitwelt verhöhnen, sondern aufrütteln will. Und der trotz aller Resignation seine Schreibsucht nicht ablegen kann,denn wie er selbst sagt: “er muss schreiben.”

DOVLATOV, das ist ein wortgewaltiger, elegischer Film ,in dem viel Poesie und Aufrichtigkeit steckt. Und der zeigt, dass “wahre Künstler” niemals an ihrem Traum zweifeln oder ihre Leidenschaften aufgeben sollen. Der Ruhm kommt vielleicht erst später. Gar erst zu spät, um den eigenen Erfolg zu spüren. Vielleicht sogar erst nach dem Tod.

Weitere Vorstellungen:
25.02. 17h15 Friedrichstadt-Palast

 

DIE TOMMOROW / SEKTION FORUM

Die Tomorrow / Very Sad Pictures Productions

Die Uhr des Lebens tickt. Unaufhörlich. Bis zum bitteren Ende. Dem Tod. In DIE TOMORROW geht es um das Sterben und die Angst vor dem Nicht-Mehr-Da-Sein. Ein Film, der Interviewaufzeichnungen, Archivmaterial, Nachrichtenmeldungen,Statistiken und Tonaufnahmen vermischt und dem Zuschauer bewusst machen will, dass man keine Angst vor dem Tod haben muss. Denn: jeder ist irgendwann dran. Jeder ist irgendwann einer derjenigen von den 2 Menschen, die jede Sekunde auf diesem Planeten Erde sterben. Ein Werk, dass sensibel machen will für das Unumgängliche. Nicht mehr und nicht weniger. Aber auf eine sehr empathische und vorurteilsfreie Weise.

Weitere Vorstellungen:
19.02. 18h30 Tilsiter Lichtspiele – Berlinale goes Kiez
23.02. 12h00 CineStar 7

SUPA MODO / SEKTION GENERATION

Supa Modo / Copyright: © One Fine Day Films / Enos Olik

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen – Den Spruch haben die meisten von uns schonmal gehört. In SUPA MODO von Likarion Wainaina braucht es ein ganzes Dorf, um ein Kind zur Superheldin zu machen und so erfüllen die Dorfbewohner der schwerkranken Jo den Wunsch, sich wie ihre großen Idole Jackie Chan oder Bruce Lee zu fühlen. Diese sehr sensibel, mit einer gehörigen Portion Humor und Tragik erzählte Geschichte lässt Trauer und Hoffnung aufkommen. Dabei werden mehrere Erzählebenen gekonnt bedient und der Film im Film lässt Platz für die heile Welt der kleinen Superheldin und viel Humor. Eine willkommene Abwechslung zu den romantisch verklärten Afrikabildern, die uns im Fernsehen immer wieder präsentiert werden und aus denen einen aus jeder Szene die postkolonialistische Perspektive anschreit. “Leider habe das deutsche Fernsehen kein Interesse an solchen Filmen”, so die Produzentin Sarika Hemi Lakhani im Q&A danach. Müssen wir ihr leider größtenteils Recht geben, läuft im deutschen TV doch tatsächlich leider fast ausnahmslos anspruchsloser Einheitsbrei.

ÜBRIGENS: Der Film ist im Rahmen der Initiative “One Fine Day Films” entstanden, die von Tom Tykwer und Marie Steinmann ins Leben gerufen wurde und afrikanischen Filmschaffenden die Möglichkeit gibt, Geschichten zu erzählen und Filme zu realisieren. Tom Tykwer hat den Film in der Premiere (ja, er hat sich als Jurypräsident der diesjährigen Berlinale die Zeit genommen, zur Premiere zu kommen) als “den ersten Superheldenfilm Kenias” anmoderiert – und es war uns ein Fest ihn gesehen zu haben.

Weitere Vorstellungen:
19.02. 11h00 CinemaxX 3
21.02. 12h30 Filmtheater am Friedrichshain
22.02. 13h30 CinemaxX 1

EVA / SEKTION WETTBEWERB

Eva / Copyright: © 2017 MACASSAR PRODUCTIONS – EUROPACORP – ARTE France CINEMA – NJJ ENTERTAINMENT – SCOPE PICTURES / Guy Ferrandis

Der Callboy Bertrand befindet sich gerade bei einem alten Schriftsteller, als dieser überraschend in seiner Badewanne stirbt. Zuvor hatte er Bertrand von seinem neusten Manuskript erzählt. Kurzerhand nimmt der junge Mann das Theaterstück des Toten an sich und veröffentlicht es unter seinem Namen und wird daraufhin als Schriftsteller gefeiert. Er genießt seinen Ruhm, allerdings sitzt ihm sein Verleger im Nacken der ein weiteres Werk von ihm erwartet. Durch einen Zufall lernt er die Edelprostituierte Eva (Isabell Hubbert) kennen und ist so fasziniert von ihr, dass er die Dialoge mit ihr in seine Versuche einfließen lässt wirklich ein neues Stück zu schreiben. Er setzt sich zum Ziel, dass sich Eva in ihn verlieben soll. Darum soll sein neues Stück gehen. Doch die lässt sich von ihm nicht in die Karten schauen. Bertrand gerät in eine emotionale Gefangenschaft, die in einer Katastrophe endet.

Über 50 Jahre nach Joseph Losey verfilmt Regisseur Benoit Jacquot den Roman des britischen Schriftstellers James Hadley Chase erneut und inszeniert ihn als Konversationsstück über die moralischen Abgründe in der Welt der Reichen und Schönen. Leider bleiben die meisten Figuren, allen voran Bertrand und Eva, sehr unnahbar und blass. Gaspard Ulliel und auch Isabelle Huppert lassen durch ihr Handeln keine wirklich Empathie des Zuschauers zu. Isabelle Hubbert spielt die Edelprostituierte Eva mit gewohnter Gelassenheit und Grazie, aber auch mit einer Kühle, dass selbst bei den Szenen in denen der Zuschauer hinter die Fassade von Eva schauen kann, keine Sympathie oder Identifikation möglich ist. Gaspard Ulliel sieht als Bertrand gut aus und kann leider keinen inspirierenden oder intelligenten Dialog mit seiner Freundin, seinem Verleger und selbst nicht mit Eva vorweisen. Das der Schwindel mit dem geklauten Drehbuch nicht aufgedeckt wurde bleibt ein Rätsel. Der Film hätte gut 20 Minuten kürzer sein können und es fehlt ihm leider ein wenig an Raffinesse und Aktualität. Die Motivation der Figuren bleibt geradezu ungelöst. VerhalteneR Applaus war da nur die berechtigte Folge.

Weitere Vorstellungen:

PARA ADUMA / RED COW / SEKTION GENERATION

Para Aduma / Copyright: © Laila Films / Boaz Yehonatan Yacov

So rot wie Bennys Haare ist auch das Fell des Kalbs, vom dem sich ihr religiöser Vater die prophezeite Erlösung erhofft. Genau wie das Kalb fühlt sich die 17-Jährige Israelin wie in einem Käfig gefangen. Sie lebt mit ihrem strenggläubigen Vater zusammen, der für viele in der Jerusalemer Gemeinde Autoritätsperson und Mentor ist. Auch für die junge Yael, in die sich Benny verliebt. Zunehmend steht Benny dem religiös-utopischen Nationalismus ihres Vaters skeptisch gegenüber und schöpft aus ihrer ersten Liebe zu Yael die Kraft für ein Aufgebehren gegenüber ihrem Vater und ihrer Rolle in der religiösen Gemeinschaft.

Das Langspieldebüt der israelischen Regisseurin Tsivia Barkai Yacov beginnt etwas sperrig und es fällt schwer dem Geschehen am Anfang zu folgen. Wohl auch, weil uns die religiöse Routine des Judentums nicht all zu geläufig ist. Avigayil Koevary verkörpert die junge Benny allerdings von Anfang an sehr authentisch und spielt sie mit einer Wucht die begeistert. Die Kamera ist sehr nah dran am Geschehen und ist dabei nie voyeuristisch oder chauvinistisch, selbst bei intimen Liebesszenen zwischen Benny und Yael. Regisseurin Barkai Yacov erklärt das in der anschließenden Q&A damit, dass sie auch für das Drehbuch verantwortlich sei und die Geschichte aus der Sicht einer Frau auf eine lesbische Beziehung geschrieben wurde.

Zwei Funfacts zum Schluss:

1. Die ganze Filmcrew hatte Verspätung mit ihrem Flieger und dieser landete erst kurz vorm Start des Screenings am Flughafen Schönefeld. Das Publikum hat die Hände in die Höhe gestreckt und die Finger gekreuzt (die englische Variante des Daumendrückens), dass die Crew es zumindest rechtzeitig zum Ende ihrer eigenen Weltpremiere schafft da zu sein. Das hat auch geklappt, sie kamen ganze fünf Minuten bevor der Film zu Ende war im Haus der Kulturen der Welt an. Daher konnten sie zumindest den verdienten Applaus und Blümchen abholen und die Fragen der Zuschauer beantworten.

2. Die Regisseurin Tsivia Barkai Yacov und der Kameramann Boaz Yehonatan Yacov lernten sich am Set kennen und lieben. Inzwischen sind sie sogar verheiratet.

Weitere Vorstellungen:
20.02. 15h30 Cubix 8
23.02. 13h30 CinemaxX 3
25.02. 15h30 Filmtheater am Friedrichshain

 

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