Monos – Zwischen Himmel und Hölle Review | KINO TO GO

Manche Dinge brauchen einfach Zeit. So wie MONOS, der zweite Film von Regisseur Alejandro Landes. Ich musste lange warten, um ihn sehen zu können. Ich musste etwas länger warten, um ihn als regulären Kinostart ankündigen zu können. Dann mussten wir noch mal etwas warten, um ihn nach der ersten Welle von Corona-Verschiebungen erneut ankündigen zu können. Und jetzt kann ich ihn endlich als Heimkinostart ankündigen, wodurch er hoffentlich endlich mal etwas mehr Aufmerksamkeit abkriegt.

Ein Film, für den ich noch länger gebraucht habe, damit er mich (ebenso sehr) begeistern kann, ist William Friedkins SORCERER. MONOS hat mich, neben vielen anderen Filmen, an SORCERER oder auch ATEMLOS VOR ANGST erinnert. Warum, erzähle ich unter anderem in meiner Review. Und warum ich SORCERER so in mein Herz geschlossen habe, sollen die nachfolgenden Zeilen verraten, die ich schon einmal bei Letterboxd veröffentlicht habe. Aber jetzt erst mal das Video. Und dann weiterlesen. Bitte. Viel Spaß. Mit beidem.

 

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Zur Erklärung: SORCERER – auf Deutsch ATEMLOS VOR ANGST

Ein halbtoter LKW, eine halbtote Brücke, ein Monsun: Das Ergebnis ist eine der besten Szenen, die ich im bisherigen Jahr erleben durfte. Eine dieser Szenen, die alles abruft. Die fesselt. Die anspannt. Die die Fäuste ballen lässt. Die mein Herz zum Pumpen bringt. Und die eine der bedeutendsten Fragen des Kinos aufwirft: Wie zur Hölle haben sie das gemacht? Damit meine ich alles. Die Aktion an sich, das Setting, die Bilder, die Stunts, den Schnitt, die Regie. Das Zusammenwirken von all dem. Also das, was William Friedkin so oft „magischen Realismus“ nannte. Ich habe anhand von SORCERER und dieser Szene ein weiteres Mal empfinden können, was er damit meint.

Die Sache ist halt: Film und Szene sind von 1977. Sie mussten also erst so alt werden wie ich, damit ich von ihnen mitgerissen werde. Das ist unter anderem erschreckend wie beschämend. Ich hätte ihn schon so viel früher zu schätzen gewusst. Und ich hätte mich auch so viel früher für ihn stark gemacht. Ich hätte ihn einfach viel früher sehen müssen. Das ist so erfreulich wie verblüffend. Weil SORCERER ein Abenteuer ist, wie es heute fast kaum noch gemacht wird – und weil es mich gerade deswegen und trotz seines Alters so fasziniert hat. Der letzte und seit langer Zeit einzige „Men on a Mission“-Streifen, der ähnlich gedrückt und konsequent daherkam, ist J.C. Chandors TRIPLE FRONTIER. Doch selbst der konnte bei all seinen Stars, Spannungsmomenten und prächtigen Landschaften nicht solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen wie ATEMLOS VOR ANGST.

Wie kann das sein? Warum zieht mich ein so alter Film so stark in seinen Bann? Nur, weil ich genauso alt bin? Nun, das ließe sich mit Sicherheit so eloquent wie lang und ausführlich analysieren. Aber dann würde ich vermutlich länger brauchen als Roy Scheider und seine Trucker-Kollegen für ihre 200 Meilen durch den Dschungel. So überlasse ich einem weiteren Netflix-Film eine so einfache wie relativ kurze Erklärung. In POINT BLANK von 2019 mit Frank Grillo gibt es einen Moment, in dem sieben Homies völlig ausrasten, während sie sich die Brückenszene ansehen. Resümiert mit einer so einfachen wie unumstößlichen Aussage: „That’s the real shit. Friedkin!“. Was soll ich sagen? Als der Höllentrip vor Kurzem über meine Leinwand flimmerte, war es bei Kumpel André und mir haar-ge-nau so. Es ist eben Friedkin. The real shit.

Aber dafür muss man mitarbeiten. Vor allem, wenn man den Film in seiner Originalfassung sieht – wie wir. Die ist 121 Minuten lang und war hierzulande nur einmal in deutscher Synchro zu sehen. Der Dank dafür gebührt ARTE. Im Gegensatz zur internationalen Version (92 Minuten) erzählt sie alle Hintergründe der vier Männer am Anfang des Films – und nicht zum Großteil als Rückblenden mittendrin. Dafür braucht Friedkin lediglich 15 Minuten. 15 weitere um ihr Exil in Südamerika zu etablieren. So weit, so effektiv, so typisch für den Mann. Doch bis sie mit dem Nitroglycerin durch den Urwald schaukeln, vergehen noch gut 30 weitere Minuten, die sich länger dahinziehen als sie es eigentlich müssten. Ein Grund dafür ist die reduzierte oder karge Erzählweise. Es wird nicht viel gesprochen, sehr oft nur das gezeigt, was nötig ist. Friedkin passt seine Bilder den Bedürfnissen seiner Figuren an. Das macht … irgendwie mürbe.

Doch dann folgt die zweite Stunde des Films. Dann folgt die Fahrt durch die grüne Hölle. 60 Minuten purer Wille. 60 Minuten, in denen Friedkin immer mehr Empathie für die Männer aufbaut. Durch eben diesen wilden und wundervoll gefilmten Dschungel, dem sie sich stellen müssen. Anhand der geringen Mittel und ramponierten Geräte, die ihnen zur Verfügung stehen. Über den politischen Subtext, an dem sie im wahrsten Sinne vorbeifahren. Infolge der Hindernisse, für die sie sich zusammenraufen müssen. Kraft der Metapher auf das Leben, die Friedkin so konsequent entwickelt, ausspielt und wie so oft aus dem Nichts zuschlagen lässt: Du kämpfst und kämpfst und kämpfst – und irgendwann bist du tot.

Ich hatte erst vor Kurzem noch mal LEBEN UND STERBEN IN L.A. nachgeholt. Der Cop-Thriller hat mir ebenfalls dabei geholfen, die Präzision, Effektivität und Überlegungen zu bewundern, die Friedkin hier anwendet. Und er hat das Bild zementiert, das ich mir als seine Handschrift, seine Merkmale, seinen Stil erarbeitet habe. Nur hat mir SORCERER noch viel weiter die Augen geöffnet. Zum einen, weil er nun mal zwölf Jahre älter als LEBEN UND STERBEN IN L.A. ist. Zum anderen, weil alles so viel besser, so viel direkter, so viel natürlicher wirkt. Auch wenn es sich, wie bereits erwähnt, schon etwas schwerfälliger anfühlt. Und obwohl ich mir kein Urteil darüber erlauben will, ob nun LOHN DER ANGST den gleichnamigen Roman besser adaptiert oder nicht. Verbrieft ist: Für Friedkin ist SORCERER der einzige seiner Filme, an dem er nichts ändern würde.

Trotzdem war er für Kritik und Publikum zu pessimistisch. Trotzdem war er ein Flop. Trotzdem hatte er keine Chance gegen STAR WARS. Und dennoch schreibe ich hier mit wesentlich mehr Bedenkzeit so viel Text (den ich sicherlich auch zu STAR WARS schreiben könnte). Dennoch hat dieser Film die Zeit überdauert. Dennoch wird er nun vom sphärisch-verdichtenden Tangerine Dream-Soundtrack bis hin zu seinen packenden Bildern gefeiert. Und dennoch beinhaltet er diese Szene, die zwei Typen auf einer Hamburger Couch genauso begeistert wie Regisseur Joe Lynch (MAYHEM), der ihr mehrere Minuten lang in seinem neuen Streifen huldigt.

Und damit wäre ich wieder bei Brücke, LKW und Sturm. In dieser einen Szene spiegelt sich der ganze Größenwahn wider, der dieses Projekt umgibt. Vor allem Friedkins. Er glaubte, er könne alles. Also hat er diesen Kadaver von einer Brücke gebaut und zwei marode Lastwagen das Schicksal herausfordern lassen. Der Überlieferung nach war das kein Sicherheitsrisiko mehr; es war eine Todesfalle. Nur gibt es keine bewegten Bilder, die das belegen könnten. Doch Friedkin selbst sagt, dass er diesen Dreh heute so nie wieder machen würde. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch kein anderer heutzutage diese Szene derartig drehen könnte oder dürfte. Aber manchmal reicht eben nur eine Szene aus, um den Größenwahn, die Anstrengung, die Kunst, den Mut zu rechtfertigen, zu respektieren oder zu würdigen. Manchmal reicht nur eine Szene aus, um sich unsterblich zu machen.

Ich bin jedenfalls froh, diesen Film endlich zu kennen. Eben wegen dieses Gänsehautmoments. Jedoch auch wegen all der anderen Dinge, die ich hier nun abgefeiert habe. Plus Roy Scheider und die restlichen Selbstmordkommandeure. Aber vor allem, weil SORCERER der Film ist, der Friedkin zu einem weiteren meiner Alltime-Favorite-Regisseure hat werden lassen. Es hat halt ein wenig länger gedauert.
Daniel Schröckert

MONOS – ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE Filminfo

MONOS – ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE
Originaltitel: Monos
Genre: Drama
Darsteller: Julianne Nicholson, Moises Arias, Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, Karen Quintero
Regie: Alejandro Landes
Kinostart: 04.06.2020
DVD-/Blu-ray-Release: 09.10.2020
Streambar: kein Flatrate-Anbieter

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