Mythos Disney | UNVERBLÜMT

Mythos Disney


Ich war fünfeinhalb Jahre alt, als ich zum ersten Mal ins Kino ging.
Damals war ich gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden und
durfte zusammen mit meiner Schwester, meinem Bruder und einer Freundin meiner Eltern ins Kino.

Der Film? Disneys ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU . Ich war wie in einen Bann gezogen. Fortan versuchte ich, in der Badewanne wie eine Meerjungfrau zu tauchen. Die Arie, die Arielle kurz vor dem Verlust ihrer bezaubernden Stimme sang, krakeelte ich tagein, tagaus durch die Nachbarschaft. Ich kämmte mir die Haare mit einer Gabel und wünschte mir einen Fabius als Haustier. Ich kann mich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern, aber irgendwann hörte es auf. Die Haare kämme ich mir mittlerweile wieder mit einer Bürste.

Es folgten weitere Disney-Filme. Ich liebte jeden von ihnen und tue es auch heute noch. Disney bedeutet für mich, in Traumwelten einzutauchen und trotz Erwachsenseins das kindliche Herz schlagen zu lassen.
Und natürlich stimmt es, dass man als Erwachsener mit einem anderen Bewusstsein auf diese Filme schaut. Plötzlich fallen einem Aspekte auf, die man als Kind gar nicht bewusst wahrgenommen hat.

Wie Disney ganze Generationen prägt(e)

Aus soziologischer Perspektive vermitteln Disney-Filme klassische Eltern-Kind-Beziehungen, die auf Stereotypen und alten Werten basieren. Oftmals geht es um Themen wie Freundschaft, Familienzusammenhalt und Liebe. Der Vater spielt meist einen wegweisenden Moralapostel, der jedoch nicht frei von Fehlern ist. Die Mutter ist oft tot, bevor die Story beginnt, und das Kind – meist der oder die HeldIN – versucht, aus verfahrenen Schemata auszubrechen, seinen Träumen zu folgen und sich somit selbst zu finden.

Meist geht es um eine Prinzessin, die innerlich oder sogar physisch gefangen gehalten wird. Es gibt immer einen Bösewicht, der von Neid zerfressen wird. Die Prinzessin scheint zuerst einer ausweglosen Situation ausgesetzt, doch dann kommt ein Prinz auf seinem Gaul und rettet sie. Und wenn sie nicht gestorben sind … Viele Pädagogen schimpfen, dass die Frau in solchen Geschichten als schwaches, unselbstständiges Wesen dargestellt werde, welches dumme Entscheidungen träfe und ohne männliche Hilfe vergessen würde, zu atmen.

Prinzessin vs. Emanze

Auch eine starke Frau will ab und zu Prinzessin sein. Mein Vater sagte einmal, dass er sich – von all seinen Kindern – um mich am wenigsten sorge (obwohl ich das einzige Kind bin, das von zu Hause über 600 Kilometer weit weggezogen ist). Seine Begründung: „Du bist unabhängig und stärker, als man für dich je sein könnte.“ Na, danke.

Vielleicht hat es mit der Tatsache zu tun, dass ich ein sogenanntes Sandwich-Kind bin. Denen wird nachgesagt, dass sie sich zu einer besonderen Unabhängigkeit entwickeln und Dinge eher selbst in die Hand nehmen, anstatt darauf zu warten, dass jemand daherkommt und sie erledigt. Ich bohre perfekte Löcher in Wände, baue Möbel auf, ohne dass die Schrauben und Nägel auf der anderen Seite herausgucken, und wechsle einen Autoreifen in weniger als zehn Minuten.

Ich dachte einmal, den Zenit der emanzipierten Unabhängigkeit hätte ich erreicht, nachdem ich meine kleine Couch, die lediglich bis zur Bordsteinkante geliefert worden war, DREI Stockwerke hochgeschleppt hatte (ALTBAU!!!). ALLEIN. Das ist wirklich wahr und funktionierte nur, weil diese Mini-Couch für meine Küche in einem Karton war, den ich Stufe für Stufe hochkippen konnte. Denkt nicht, das sei ein Klacks gewesen! Ich dachte noch Tage danach, ich würde deshalb sterben.

Und eines Tages änderte eine Waschmaschine meine Einstellung

Köln im Jahr 2013: Ich war gerade in eine neue Wohnung gezogen. Nachdem mir mein damals bester Freund in seiner Mittagspause geholfen hatte, meine Waschmaschine in die Wohnung zu schleppen, stand diese mehrere Wochen da, weil ich nicht wusste, wie man sie anschließt. In Anbetracht des hiesigen Schmutzwäschebergs, der sich mittlerweile aufgebaut hatte und einzustürzen drohte, nahm ich die Angelegenheit selbst in die Hand und suchte ein Tutorial auf YouTube.

Dabei kann mich noch an zwei Dinge erinnern. Zum einen: Es ist gar nicht so schwer, eine Waschmaschine anzuschließen. Zum anderen: Ich brach während des Anschließens in bitterliche Tränen aus. Warum? Weil es Dinge im Leben gibt, die WILL Frau vielleicht einfach gar nicht erlernen. In diesem Moment der Unabhängigkeit und des gleichzeitig nervlichen Zusammenbruchs zeichnete sich deutlich ab, dass vermeintlich starke Frauen sehr wohl den Wunsch haben können, dass ihnen geholfen wird. Vielleicht auch, mal zu jemandem bewundernd aufblicken zu können, der eine verdammte Waschmaschine anschließen kann. Ich wollte auch mal Prinzessin sein! Und deshalb finde ich die folgenden Vorwürfe völlig egal.

Walt Disney war ein Arschloch

Fängt man einmal zu recherchieren an, stolpert man über viele Anschuldigungen gegen Walt Disney. So war zwar allgemein bekannt, dass er kontrollsüchtig und pedantisch gewesen sein soll. Jedoch stößt man auch auf schwerwiegendere Unterstellungen. 2014 bezeichnete Meryl Streep Disney in einer Laudatio auf Emma Thompson zu SAVING MR. BANKS zum Beispiel als einen von „rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Neigungen“ getriebenen Mann. Viele Kritiker meinen auch, diverse Hinweise auf Disneys Gesinnungen in Filmen wie DUMBO (Antje Wessels’ Kritik zu Tim Burtons 2019er-Neuverfilmung) oder SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE zu finden.

Ein Arschloch-Gesetz?

Arschlöcher, wohin man nur sieht. Apple-Gott Steve Jobs soll ein Mega-Arschloch gewesen sein. Es hieß auch, im Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und sogar Freunden sei er „schwierig gewesen“. Sogar seine uneheliche Tochter Lisa schrieb ein Buch, in dem sie Steve Jobs als „Monster“ betitelte. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird gerne als „einsames Selfmade-Arschloch“ bezeichnet. Was er angestellt haben soll, kann man im Film THE SOCIAL NETWORK sehen.

Sogar Adam (genau, unser Bibel-Adam) soll ein echter Mistkerl gewesen sein. Wusste er doch vor Eva schon, dass man nicht von der verbotenen Frucht kosten sollte. Aber dieser Schlawiner wollte es ganz genau wissen und ließ die arme Eva ins offene Messer laufen. Dazu stieß ich übrigens während meiner Recherchen auf einen interessanten Artikel.

Und wenn wir schon dabei sind, mit Steinen zu werfen, können wir an dieser Stelle nicht einmal Halt vor Gott himself machen. Arschloch (oh, hoffentlich komme ich dafür nicht in die Hölle). Hat er doch Moses hart dafür bestraft, dass dieser zweimal mit seinem Stab auf den Stein geschlagen hatte. 40 Jahre Exil. Dazu fällt einem doch nichts mehr ein. Der Gute hatte doch nur etwas missverstanden, Goootttt ..!

Ein Arschloch-Kompliment

Und wo dieses Unwort mit „A“ nun in der heutigen Ausgabe von Unverblümt sehr häufigen Nutzen gefunden hat , möchte ich noch einen weiteren Gedanken zu dieser Bezeichnung aufzeigen: Wir (die Menschen) haben uns angewöhnt, andere Menschen, die wir als außerordentlich unsympathisch und gemein empfinden, als „Arschlöcher“ zu bezeichnen. Schaut man nun auf die Semantik dieses Worts, so wird doch unmittelbar klar, dass ein Arschloch eine immens wichtige Rolle spielt. Jeder braucht eins zum Überleben. Und es ist auch jener Körperteil, welcher buchstäblich die Drecksarbeit für uns erledigt. Sollte ein Arschloch dann nicht eigentlich ein Kompliment sein? Denkt mal darüber nach …

Konklusion

Erfolg und Einfluss gehen oftmals mit dem sogenannten Arschlochdasein einher. Es scheint schier unmöglich, beides voneinander zu trennen. Mit jeder Stufe des Erfolgs, die man hinaufsteigt, lasten immer mehr Verantwortlichkeiten, Aufgaben und vor allem Druck auf den Schultern. Da ist es nur notwendig, eine gewisse „Härte“ zu entwickeln. Und manchmal ist der Grat, auf dem man wandert, ein äußerst schmaler. Links und rechts davon befinden sich Arschlochhausen und Schluffital. In beiden möchte man nicht sonderlich gerne wohnen, weil man schnell als jenes oder dieses deklariert wird. Das ist eine Konsequenz.

Ich kann dazu nur mit den Schultern zucken. Denn egal, was für ein Mensch der war, welcher vor 53 Jahren starb: Walt Disney hat den Weg bereitet, wunderbare Traumwelten zu erschaffen. Denn selbst, wenn alles Böse stimmen sollte: Was hat der Gründer Walter Elias Disney mit dem Disney zu tun, das wir als Kinder kennen und bis ins Erwachsenenalter lieben gelernt haben?

Ich meine, dieser Mann ist seit über 50 Jahren nicht mehr auf dieser Erde. Die meisten Filme, über die wir sprechen, sind erst nach seiner Zeit entstanden. Die weiblichen Figuren in Disney-Filmen haben sich zu starken, emanzipierten Persönlichkeiten entwickelt. The Walt Disney Company geht mit der Zeit und das ist auch gut so. Schauen wir also, was Disneys Zukunft bringt.

Lebensweisheiten, die wir aus Disney-Filmen gelernt haben

Über sich selbst zu lachen, heißt, sich selbst zu lieben. – Mickey Mouse

Die Dinge, die mich anders machen, sind die Dinge, die mich ausmachen. – Winnie Puuh

Wenn man immer nur zurückblickt, dann verpasst man, was vor einem liegt. – Ratatouille

Wo Freundlichkeit herrscht, gibt es Güte, und wo es Güte gibt, da ist auch Magie. – Cinderella

Glaub’ daran, dass du es kannst, dann wirst du es können. – Mulan

Die Vergangenheit kann wehtun. Aber wie ich es sehe, läuft man entweder davon, oder man lernt davon. – DER KÖNIG DER LÖWEN (1994)

Sou Boujloud

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