Shanghai Police – Die wüsteste Truppe der Welt Review | KINO TO GO

Sperrt die Lauschlappen auf, bringt die Glotzmuskel in Stellung und hängt die Gardinen wieder ins Oberstübchen. Jetzt folgt ’ne These, die ist so steil wie ’ne Monatskarte beim 1. FC Köln: Uns fehlt noch ein Begriff für liebenswerte Rumpelkunst. Also für diese Filme, die zu viel richtig machen, um nur ein Guilty Pleasure zu sein. Und die zu grob, schief, speziell oder unfokussiert sind, um mehr oder weniger abgenudelte Begriffe wie Klassiker, Meisterwerk, Meilenstein, „1a-Streifen“ oder gar Kult zu rechtfertigen. Also Filme, die zu gut, um schlecht, zu verbeult, um gut und zu bezaubernd, um jemals egal zu sein. Filme, die mehr sind als ein sündiges Vergnügen.

Für mich sind das Titel wie MONSTER BUSTERS oder MAD MISSION (Teile 1 bis 3), RUSSKIES oder NINJA COMMANDO, LOVE & A. 45 oder unter gewissen Aspekten auch TREMORS. Keine Frage, sie alle lassen sich auch problemlos als B-Film, Genrewerk, halbgar, schlecht, natürlich Camp oder Guilty Pleasure und – wenn es denn keine andere Wahl gibt – auch als Kult bezeichnen. Aber das würde nie völlig den Kern treffen. Denn es sind diese Filme, die immer gehen. Die in vergangene Zeiten schleudern, als alles noch einfacher war. Die das Versprechen einlösen und in eine Welt entführen, die so viel mehr Abenteuer ist als die eigene. Die Geborgenheit geben. Die Trost spenden. Sie sind, was Rosebud für Charles Foster Kane war. Oder Remys RATATOUILLE für Anton Ego.

Genau solch ein Film ist auch SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT. Oder MILLIONAIRE’S EXPRESS, wie er ja eigentlich heißt. Sammo Hungs Martial Arts-Western, der auch THE GOOD, THE FAT AND THE FURRY oder THE WILD BUSTER KEATON BUNCH – SIE KANNTEN KEIN HOCHDEUTSCH heißen könnte. Ich kann unmöglich sagen, wie oft ich die VHS dazu in diverse Rekorder geschoben habe. Ich weiß nur, dass das Gefühl ab der ersten Ansicht immer das gleiche war: Du schiebst die Kassette in die Öffnung, lässt den Lizenz- oder Altersfreigabescheiß über dich ergehen, und danach steht die Welt für gut 82 Minuten still. Denn es gibt so viel Tolles auf der Mattscheibe vor mir zu erleben und erledigen.

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Ein Zug musste zum Halt in einem Provinzkaff gebracht, ein Hotel-Bordell mit Gästen befüllt und ein nationales Heiligtum mittels Massenkeilerei erobert werden – bei Letzterem handelt es sich um die Karte zum Grab des Um-Lei-Tung. Das ist im Groben und Ganzen ein wilde Stuntshow, die den Weg zum großen Beulerei-Finale mit allerlei Zitaten und bekannten Stilmitteln bewältigt. So treffen die Komik und der Slapstick der Buster Keaton- oder Charlie Chaplin-Stummfilme auf die Western-Action eines Yakima Canutt. Garniert mit Klängen, Motiven, Figuren oder Bildern, die an Sergio Leone oder Sam Peckinpah erinnern. Kombiniert mit eigener (chinesischer) Filmhistorie, bravem Erotik-Klamauk und natürlich jeder Menge Kampfkunst. Veredelt durch eine Schnodderdeutsch-Synchro, die selbst DAS SÖLDNERKOMMANDO neidisch macht.

Das bedeutet, dass Leute über Züge und Dächer kraxeln, um sich heimlich mit ihrer Geliebten zu treffen, nachdem sie ihrer dicken Ehefrau was von Kaumuskelübungen erzählt haben. Das bedeutet, dass sich der abtrünnige Ortspolizeichef mit einer Magnetweste an einen fahrenden Zug heftet, um ihn zu überfallen. Das bedeutet, dass ein asiatischer Jerry Lewis-Zugschaffner und eine feine Dame den unfreiwilligen Halt für ein Schäferstündchen nutzen. Und das bedeutet, dass Fang-an (der Bordell-Besitzer) und Lang-hin (der Clint Eastwood-Blondie-Klon, der Fang-an eigentlich fang-en will) mit einer Gatling-Gun durch die Reihen der Multikulti- und-Multiskill-Banditen pflügen.

Für all das holt Regisseur Sammo Hung ein Ensemble zusammen, das einfach nur als Crème de la Crème der damaligen Hongkong-Action-Blütezeit bezeichnet werden kann. Für den Klamauk sind unter anderem die Lucky Stars-Veteranen Richard Ng (der mal bei TOMB RAIDER landen sollte) und Eric Tsang (der kleine, große Gangsterboss aus INFERNAL AFFAIRS und Regisseur von MAD MISSION 1 + 2) am Start. Unterstützt durch Lydia Shum als Ehefrau Bal-lon. Für die akrobatische Action sind dagegen die zwei anderen Lucky Stars, Yuen Biao und Sammo Hung selbst, zuständig. Sie liefern sich an einem Bahnhof dann auch gleich den besten Kampf des Films, bei dem Biao von Hung so hart getreten wurde, dass er Beatmungshilfe brauchte. Und dann hat es Hung auch noch hingekriegt, Biaos Stuntdouble ernsthaft zu verletzen, was den Dreh noch mal heikler werden ließ.

Flankiert werden die beiden von weiteren Profi-Kloppern wie Dick Wei (Piratenchef Sam Pau aus DER SUPERFIGHTER) oder Hwang Jang-lee (der Donnerfuß aus DRUNKEN MASTER). Oder Cyntha Rothrock (CHINA O’BRIEN), Richard Norton (die Ex-Flamme von China O’Brien), Yasuaki Kurata (einer der Killer in POWERMAN 2) und Yukari Oshima (unvergessen als Westflügel-Chefin Rogan/Huang in STORY OF RICKY). Rosamund Kwan (aus ONCE UPON A TIME IN CHINA) darf noch etwas mit den Wimpern klimpern, und Bolo Yueng (Chong Li/BLOODSPORT) ist schon wieder verschwunden, bevor man drei Mal geblinzelt hat. Doch die Star-Power und der hohe Anteil an Darstellern der Lucky Stars-Reihe wirft natürlich berechtigte Fragen auf: Wo ist Jackie Chan? Und warum war gerade er bei solch einem Projekt nicht dabei?

Darüber kann ich an dieser Stelle nur Vermutungen anstellen. Ich vermute, dass er vor allem zu beschäftigt war. Im Jahr zuvor kamen allein fünf (!) Filme von und mit ihm heraus. Darunter zwei Lucky Stars-Teile (hierzulande bekannt als TOKYO POWERMAN und POWERMAN 2 – fragt bitte nicht) und eben POLICE STORY. Hung musste schon bei POWERMAN 2 den Endkampf übernehmen, weil sich Chan bei POLICE STORY verletzt hatte. Und dann war da eben noch DER RECHTE ARM DER GÖTTER. Der erschien – wie SHANGHAI POLICE – 1986, wurde vermutlich in einem ähnlichen Zeitraum gedreht und hatte diesen legendären Unfall: Chan zog sich bei einem Stunt ein böses, dauerhaftes Loch im Kopf zu und übernahm nach seiner Genesung dann die Regie. Von … Eric Tsang.

So war das vielleicht alles nur ganz normales wie fluides Lucky Stars- oder Peking Opera School-Business. Bist du hier nicht, bist du da. Und immerhin haben es ja Cantopop-Sänger Kenny Bee und Rosamund Kwan in beide Filme geschafft, was wohl ihren jeweiligen Aufgaben geschuldet ist. Doch – und hier spekuliere ich mal gewagter – vielleicht machten sich hier schon die ersten Risse in der Freundschaft der Schauspielschulbrüder bemerkbar. Denn für seine recht kurze Laufzeit vereint SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT einfach zu viele Stars vor der Kamera, weshalb für einige mehr und für andere weniger Spielzeit übrigbleibt. Ein Jackie Chan, der im Begriff war, zum Superstar aufzusteigen, hätte da wahrscheinlich mehr geschadet als genutzt. Und spätestens nach ACTION HUNTER, der 1988 und mit einigen Drehproblemen erschien, gingen die Brüder ja dann auch erst mal getrennte Wege.

Sei es, wie es gewesen ist, an meiner Liebe zu SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT ändert es nichts. Auch nicht nach all den Jahren und Internet-Fakten. Das durfte ich nun dank Weihnachten und meiner liebreizenden Frau erneut feststellen. Sie hat mir nämlich ein auf 500 Stück limitiertes DVD-Bootleg vom Label Eyecatcher geschenkt. Womit ich zurück bei den zuvor erwähnten 82 Minuten wäre: Diese DVD enthält nicht nur den Kinocut, die 82-Minuten-Version, die ich bisher nur kannte (ja, Schande über mich), sondern auch die Uncut-Fassung. Mit ganzen 97 Minuten! Nun lässt sich diskutieren, ob die knappe Viertelstunde wirklich sein muss. Echt Wesentliches fügt sie der an sich schon konfusen Story nicht hinzu. Und wer ohnehin nur auf Action und Klamauk aus ist, wird die Straffung sogar begrüßen.

Trotzdem habe ich mich über die Zusatzminuten gefreut. Sie geben vor allem Fang An/Ching Fong-Tin und seinen Prostituierten mehr Screentime und vertiefen deren Beziehung. So erfahren wir zum Beispiel, dass der Bürgermeister Fang Ans Onkel ist. Oder wie die Damen einen Ersatzpolizisten im Knast austricksen. Oder dass zwischen Rosamund Kwans Sturz auf der Straße und ihrem Kuss mit Biao ein längeres Bordell-Gelaber und -Geschmachte stattfindet. Letzteres war erhellend, weil ich es immer merkwürdig fand, dass sie eben noch auf der Straße steht und im nächsten Moment aus dem Hotel gerannt kommt. Aber noch viel merkwürdiger empfand ich die Entscheidung, den ersten Auftritt der Gangster zu entfernen. In der Uncut-Fassung folgt er auf den Auftakt mit Hung und Bee in Russland. Dabei erklären die Banditen bereits ihren Plan, um die Karte zu klauen. Direkt danach bringt Fong-Tin seine Girls dazu, ihm in seine Heimatstadt zu folgen. Ist mir unbegreiflich, warum solche strukturierenden Informationen entfernt wurden.

Aber egal, ich habe sie ja jetzt sehen können. Allerdings wurden die entfernten Szenen nur untertitelt und nicht nachsynchronisiert. Und die Untertitel sind furchtbar. Sie befleißigen sich nicht nur einer Grammatik, dass es einer Sau graust. Sie wollen öfters auch das Schnodderdeutsch imitieren. Und das liest sich genauso unmöglich wie die Idee, alle Sprecher von damals zusammenzubringen, um das entfernte Material neu zu vertonen. Doch noch mal: egal. Denn ich kann die alte Synchro immer noch so sehr abfeiern wie mitsprechen. Und Sätze wie „Wenn du noch einmal Flittchen zu meinen Nutten sagst, dann knallt’s aber gewaltig!“ oder „Erschießen sie den, der ist sowieso bescheuert!“ feuern mich schneller in die Kindheit zurück, als ich Pfiff des wilden Nasendrüslings gesagt habe.

So etwas macht heutzutage keiner mehr. Dafür fehlt die „Leck mich am Arsch, ob das Sinn ergibt“-Einstellung der alten Tage. Dafür fehlen leider zu viele Stimmen der alten Tage. Und dafür sind wir inzwischen politisch zu korrekt. Solche Gags, dass man als Asiate ja nicht „gelb“ ist, sondern nur ins Bräunliche spielt, waren schon damals nicht richtig, sind heute aber undenkbar. Und gegen die schlüpfrigen bis sexistischen Späßchen hier wirkt selbst das fünfte AMERICAN PIE-Spin-off wie die letzte Busty-Milf-Orgy bei Brazzers. Nur die Synchro von Yuen Biao bleibt mir nach wie vor ein Rätsel. Erst wird er von Hans-Georg Panczak (Luke Skywalker/STAR WARS) gesprochen, dann, wenn er Polizist ist, von Christian Tramitz (Käpt’n Kork/TRAUMSCHIFF SURPRISE). Ich hoffe inständig, dass es dafür berufliche Gründe gab – und niemand aufgrund seines Aussehens was verpeilt hat.

Das mag man nun alles albern, plump und ungehobelt finden. Oder so subtil und sexy wie eine Folge DIE BENNY HILL SHOW. Gerade die Kinofassung wird durch die lediglich sieben (!) Schnitte, die überwiegend längere Blöcke entfernen, in Mitleidenschaft gezogen. So wirkt der Film, der sich anfangs ohnehin nur wie eine Reihe von Sketchen und Stunts anfühlt, noch verhackstückter und unsauberer als nötig. Aber auch der Langfassung fehlt es an Fluss und Vollständigkeitsgefühl. Dabei findet sogar noch ein wenig Patriotismus seinen Platz. Immerhin wurde das Heiligtum von drei verschlagenen Japanern gestohlen. Trotzdem und unter Berücksichtigung all der Jahre, die SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT jetzt auf dem Buckel hat, fühlt sich nichts davon wirklich jemals böse, gemein oder ärgerlich an. Wenn, dann eher nur gnadenlos naiv.

Oder eben gnadenlos professionell. Womit ich bei dem wäre, was mich nach all den Jahren immer noch fasziniert und begeistert: das Action-Abenteuer, das viele Genres vermischt. Das Handwerk, das keine körperlichen Grenzen zu kennen scheint. Die Kulissen, die so schön zerlegt werden. Die Musik, die mal schamlos Morricone kopiert, mal fast zu groß klingt und dann wieder so herrlich chinesisch-schmonzig ist. Diese weiten Frames, durch die Leute von einer Ecke des Raums in die andere gekickt werden. Die in einem Take zeigen, wie Yuen Biao einen Salto mit halber Schraube vom Dach eines brennenden, zweistöckigen Hauses macht und direkt in den nächsten Dialog läuft. Die ohnehin mehr Menschen zeigen, die von einem Dach springen oder fallen, als andere Filme Kaffeetrinker. Die die Stunts mit der staubig-epischen Breite eines Spaghettiwesterns vereinen.

Aus all dem entsteht dieses furiose Bewegungskino, das ich so mag. Kombiniert mit viel Quatsch, den ich weiterhin durch Kinderaugen genießen kann. Gekrönt von so vielen Menschen, die mich meine Filmjugend über begleitet haben. Allen voran Sammo Hung, der mir imponiert hat, seit ich ihn zum ersten Mal kämpfen sah. Ähnlich wie Cynthia Rothrock, die sich genauso selbstverständlich wie hart durch all diese Filme prügelt. Hier trat sie wohl Hungs Stuntdouble so heftig gegen den Kopf, dass dessen Ohr blutete. Und genau wie sie erarbeitet sich auch Yukari Oshima ein paar tolle Szenen. Natürlich will ich auch Norton und seinen wuchtig-lustigen Kampf gegen Kurata nicht vergessen. Oder die schnellen Moves und Kicks im Geprügel von Wei und Biao.
So. Nach einer solchen (Wort-)Schlacht haben Krieger Ruhe verdient – und natürlich auch die Leser oder Zuschauer. Deswegen komme ich zum Abschluss: SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT ist eine Perle. Ein seltenes Juwel der Beulenkunst. Einfallsreich, einflussreich, nahezu einzigartig. Stunts, Slapstick und sinnlose Sprüche galore. Ein Kampfkunst-Comic-Western und Ensemblefilm wie er heutzutage nicht mehr gemacht wird. Ein Stück Jugend. Ein Trostspender, der erinnern und vergessen lässt. Eine meiner Zeitmaschinen. Liebenswerter Schund. Mein wüster Schatz.

Filminfo

SHANGHAI POLICE – DIE WÜSTESTE TRUPPE DER WELT
Originaltitel: Foo Gwai Lit Che / Millionaire’s Express
Genre: Action, Komödie
Darsteller: Sammo Kam-Bo Hung, Biao Yuen, Olivia Cheng, Rosamund Kwan, Kenny Bee, Eric Tsang
Regie: Sammo Kam-Bo Hung
Kinostart: 24.7.1986
DVD-/Blu-ray-Release: bereits erhältlich
Streaming: Kein Anbieter

 

 

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