Wo ist der nächste Bernd Eichinger? | ELMARS HOLLYWOOD

Wenn einer eine Reise tut … dann kann er etwas erzählen. Und wenn es auch „nur“ über das Buch ist, dass er auf dieser Reise in die Hand genommen und in einem Rutsch durchgelesen hat: BE – Katja Eichingers Biografie über ihren leider viel zu früh verstorbenen Mann Bernd. Seine On-Board-Lektüre hat bei Hollywood-Journalist und Golden-Globe-Juror Elmar Biebl nicht nur Erinnerungen an den unbestritten größten deutschen Filmproduzenten geweckt. Sondern ihm vor allem eine Notwendigkeit und sich damit aufdrängende Frage vor Augen geführt: Wo ist der nächste Bernd Eichinger?

Stephan Temp: Portätbild

Mein Erinnerung an Bernd Eichinger? Ganz ehrlich? Eher im Halbdunkel. Mehr so wie aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Schon im Bewusstsein seiner Existenz. Seiner Wichtigkeit. Seines Schaffens. Aber irgendwie nicht im Fokus meines persönlichen, privaten Interesses.

Bernd Eichinger war wichtig für den deutschen Film. Für das deutsche Kino. Enorm wichtig. Und ist es immer noch. Im Nachhall. In der Verlängerung dessen, was er für viele Filmschaffende, vor und hinter der Kamera, in diesem unserem Land bewirkt, geschafft, erreicht hat.

Aber vielleicht ist – ich spreche hier aus meiner persönlichen Perspektive – ein Produzent für gewöhnlich auch nicht so sexy wie ein Schauspieler, ein Filmstar, ein Filmregisseur. Für mich war seinerzeit ein Rainer Werner Fassbinder x-mal spannender als ein Bernd Eichinger. Sorry. War so. Keine Ahnung, warum. War es die Exzentrik? Diesbezüglich hatte Fassbinder natürlich einiges auf dem Kasten – was einen phasen- oder ansatzweisen Bad Boy wie Lars Eidinger von heute eher wie einen Chorknaben wirken lässt. Und Bernd Eichinger? Okay, da waren stets die obligatorischen Blue Jeans, weit geöffnete Hemdkragen, die – wenn nicht Jackett – Bomberjacken. Aber vor allem weiße Sneakers oder Chucks. Nur: Das sind vielleicht Spleens. Aber keine Exzentrik. Was nicht heißen soll, dass Bernd Eichinger nicht auch Gas geben konnte. Vollgas. Beruflich und privat. Wenn es denn so etwas wie ein „privat“ für ihn gab. Vielleicht war es aber auch – wie Elmar es in seinem Video ausdrückt – die in Deutschland lange verpönte Mischung aus „Anspruch und Unterhaltung“. Ja, vieles davon waren unbestritten große Erfolge. Nur: Mich rissen sie nun mal nie so richtig vom Hocker.

Zurück zum Aus-dem-Augenwinkel. Natürlich habe ich IHN während meiner Münchner Zeit ab und zu in der für viele ersten Bar am Platz, dem „Schumanns“, sitzen sehen. Ich wusste, wer ER ist, wer ER war. Was ER machte. Ja: auch, was ER konnte. Was aber natürlich kein Grund war, ihn stundenlang anzustarren. Geschweige denn anzuhimmeln.

Mein Fehler, mein Versäumnis: Ich habe ihn nie persönlich, nie richtig kennengelernt. Heute beneide ich die Menschen, die genau das getan haben. Die – hier passt es wohl wirklich mal – das Glück hatten, Bernd Eichinger nahe zu kommen … und im Gegenzug auch von ihm wahrgenommen zu werden. Ganz leise beneide ich (und ich bin kein Neider … nie, in keinerlei Hinsicht) um dieses „Glück“ eine sehr tolle Kollegin, fast schon eine Art Freundin, aus früheren Tagen. Ob Todestag, ob Geburtstag – wann immer sie aus irgendeinem Anlass ein paar Worte über Bernd Eichinger, oft gemischt mit sehr persönlichen Erinnerungen und garniert mit einem Schnappschuss, äußert, schreibt, veröffentlicht: Es macht mich nachdenklich. Und weckt jedes Mal aufs Neue eine Art Bewunderung. Eine stille Bewunderung.

Wie gesagt: Ich weiß, welche Bedeutung BE für die deutsche Filmbranche hatte. Welche Filme – viele davon Welterfolge – wir ihm als Kinopublikum und Filmliebhaber zu verdanken haben. Kann man alles googeln. Oder sich durch YouTube graben. Oder einfach Elmars Video gucken.

In der Beurteilung „fremder“ Menschen – sofern ich mir das anmaßen kann oder darf – braucht es bei mir immer eine Art „Schlüsselszene“, einen Wendepunkt, der meine Sicht auf jemanden dann von jetzt auf gleich verändern kann. Dann aber zumeist auch nachhaltig. In Bezug auf Bernd Eichinger war es bei mir die Lektüre um das zähe Ringen zwischen Eichinger und Regisseur/Drehbuchautor Oskar Roehler im Vorfeld der Dreharbeiten zu Michel Houellebecqs ELEMENTARTEILCHEN. Ein Zeitschriftenartikel. Ich glaube, der Artikel stand in einem führenden deutschen Nachrichtenmagazin. Und ich weiß noch ganz genau, wie mich die Person Bernd Eichinger beim Lesen mehr und mehr, von Absatz zu Absatz, stärker interessierte. Fünf Jahre nach ELEMENTARTEILCHEN folgte der Schreck über die Meldung von Bernd Eichingers Tod.

1999 wurde der deutsche Filmnachwuchspreis FIRST STEPS von Eichinger und Nico Hofmann aus der Taufe gehoben. Im Rahmen der FIRST STEPS wird alljährlich der von Katja Eichinger und Bernds Tochter Nina gestiftete NO FEAR Award an junge und offensichtlich talentierte Filmproduzenten verliehen. Also an die, auf denen die Hoffnung des deutschen Kinos und der deutschen Filmwirtschaft ruht. Und die, die Elmar Biebl meint, wenn er fragt: Wo ist der nächste Bernd Eichinger?

Und ich? Ich hätte gerne gesehen, welchen Weg dieser Erfolgsmensch, der Zeit seines Berufslebens in so vielen Fällen so einen sicheren Riecher für die richtigen Stoffe und die richtigen Leute vor und hinter der Kamera bewies, in Zeiten von Netflix & Co. und den vielen neuen Möglichkeiten seine (Turnschuh-)Schritte lenken würde.

Vielleicht kann ich es erahnen. Oder mir selbst zusammenreimen. Wenn auch ich mit der Lektüre von Katja Eichingers „BE“ fertig bin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dir auch gefallen