THE FAREWELL – (Wie groß) darf eine Lüge sein?! | UNVERBLÜMT

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(Wie groß) darf eine Lüge sein?!

Lügen haben kurze, lange, dicke, dünne, krumme, helle, dunkle, haarige und rasierte Beine. Mit anderen Worten: jeder lügt. Die einen mehr, die anderen weniger. So ist das nun einmal. Fürs Lügen braucht man nicht einmal einen triftigen Grund. Es geschieht ganz oft einfach so.

Dabei wäre die wirkliche Wahrheit womöglich genauso unbedeutend wie die gelogene Wahrheit.

Könnt ihr euch daran erinnern, als ihr das erste Mal gelogen habt? Wahrscheinlich wart ihr noch zu jung. Denn wir beginnen bereits im Kindesalter, unsere Eltern anzulügen. Wir schwindeln und schauen, wie weit wir damit kommen. Und dann fühlen sich unsere Kinder-Ichs ziemlich überlegen. Dass die Erwachsenen uns dabei längst durchschaut haben, merkt man als Kind aber gar nicht.

Wer ist also überlegen? Der, der lügt, weil er zu klein ist, um erhobenen Hauptes für seine Wahrheit einzustehen, oder der Belogene, der die Wahrheit womöglich durchschimmern sieht?

Das Lügen wird gemeinhin als etwas Schlechtes angesehen. Manchmal aber, so scheint es, ist es vielleicht wohl doch besser, eine andere Wahrheit als die der Wirklichkeit zu erzählen. An dieser Stelle kann man natürlich darüber diskutieren, was die wirkliche Wahrheit denn bitte sein soll. Schließlich hat ja nun jeder seine eigene Erlebniswelt.

Mehrere Personen können Zeugen desselben Ereignisses sein und trotzdem – das ist sicher – wird jeder eine andere Wahrnehmung als Wahrheit bezeichnen als alle anderen. Dabei kann man aber auch niemandem unterstellen, beabsichtigt eine Unwahrheit zu erzählen. Das in uns integrierte Wertesystem hat eine Entscheidung über die Wahrheit getroffen.
Hierzu fällt mir einer meiner absoluten Lieblingsfilme ein: LIFE ITSELF. Aber Vorsicht: Schluchzen vorprogrammiert! Aber versprochen: ein großartig schöner, unschnulziger, unkonventioneller Film. Mit Antonio Banderas, Oscar Isaac und Olivia Wilde. <3

Aber zurück zum Thema: Warum lügt man? Weil man sich einer falschen Tat bewusst ist und es trotzdem tut, vielleicht? Ich stelle mir immer vor, wie die Lüge darüber dann in den Körper des Lügenden kriecht, um den Platz des fehlenden Rückgrats einzunehmen. Und diese Vorstellung ist irgendwie unappetitlich.
Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich über Dinge geschwindelt, die das Dunklerwerden meines Karmas gar nicht wert waren. Es waren Kleinigkeiten. Dumme Geschichten, deren Authentizität absolut nichts bedeutete. Das einzige, was diese Lügen getan haben, war eine Entfremdung meiner selbst und vor allen Dingen: Stress! Denn: Wer Lügen erzählt, muss ganz genau aufpassen, wie und wem er sie erzählt. Schließlich ist eine Lüge dazu da, die Wahrheit zu verstecken. Und, verdammt, ich rede sehr gern und das auch sehr viel.

Jedenfalls war das total anstrengend und ich kam an den Punkt, an dem ich mich nach dem Warum fragte. Mochte ich mich denn nicht? Wer lügt, macht damit ja schließlich ein Eingeständnis zur eigenen Unzulänglichkeit. Aber es gibt nichts Schöneres, als mit sich und seiner Umwelt im Reinen zu sein. Wer es nämlich nicht ist, entwickelt das Potenzial eines Doppellebens. Nicht cool. Spätestens, wenn man tot ist, fliegt so etwas doch auf! Peinlich.

Mit 14 Jahren gelangte ich also zu einem neuen Level von Reflexion und Selbstbewusstsein. Ich sagte von nun an nur die Wahrheit. Ich entschuldige mein Zuspätkommen durch Trödelei, sage die Wahrheit, wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde. Ob es nun meiner Familie gefiel, was ich tat oder wie ich dachte, oder der Verlust einiger „Freunde“, das alles war mir egal. Weil die Welt, in der ich nun lebte, keine Lüge mehr war.

Wow, das klingt super pathetisch, als hätte ich ein heimliches Leben geführt, aber mit 14 habe ich echt noch nicht so viel gerissen. Es war nur eine Entscheidung darüber, wohin die eigene Entwicklung führen soll. Manchmal flunkere ich aber noch. Aber nur manchmal. Schließlich hat ja auf irgendeine Weise alles eine Daseinsberechtigung. Also wohl auch das Lügen, oder?

In THE INVENTION OF LYING zeigt Ricky Gervais, der übrigens die Golden Globes 2020 erneut und zum letzten Mal moderieren wird, wie eine Welt ohne Lügen aussähe. Und jeder, der diesen Film gesehen hat, ist sich danach sicher. Manchmal ist das Gegenteil von Wahrheit eine gute Erfindung.
Das Gegenteil von Lügen ist aber auch nicht immer das Beste. Lange Zeit war ich der Meinung, man solle stets die Wahrheit sagen. Betrügt aber jemand seinen Partner, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob er es dem armen Partner sagen sollte.

Schließlich rücken die meisten ja nur mit der Wahrheit heraus, um ihr Gewissen zu erleichtern. Und das ist wiederum eine ziemlich fiese Sache. In solch einem Fall würde ich einen respektvollen Rückzug oder eine andere, weniger belastend-zerstörende Vorgehensweise des Lügenden erwarten. Aber dazu gehört dann wieder dieses verdammte Rückgrat, das die meisten irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenwerden auf Klo vergessen haben.

Die Geschichte des neuen Kinofilms THE FAREWELL basiert auf einer wahren Lüge. Ohne zu spoilern, darf ich hier erzählen, dass es darin um eine junge New Yorker Chinesin (gespielt von Awkwafina) geht, deren in China lebende Großmutter an Krebs erkrankt ist. Sie befindet sich im Endstadium und hat laut ihrer Ärzte nur noch wenige Wochen zu leben. Traurig. Die Sache ist: Die Oma weiß es aber nicht. Und sie soll es auch nicht erfahren, denn die chinesische Kultur nimmt es in solchen Fällen nicht so ernst mit der Wahrheit. Also beschließt die Familie, die sterbende Frau im Ungewissen zu lassen, und organisiert unter falschen Vorwand eine Abschiedsfeier. THE FAREWELL handelt also von der Frage, wie weit man mit einer Lüge gehen darf.

Mein erster Impuls war totale Empörung. Nach diesem Film bin ich mir aber gar nicht mehr so sicher. Denn es gibt Lügen (-) und es gibt Lügen (+). Und das ist gut so. Echt wahr!

Sou Boujloud

 

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