Hartz IV auf dem roten Teppich | UNVERBLÜMT


Sou Boujloud: Profilbild
Vom roten Teppich zum Jobcenter!

„Szene 12, Take 8, die Ruhe bleibt! Kamera läuft? Kamera läuft! Ton läuft? Ton läuft! Uuuuuuund bitte!“

Die Hände in die Hüften gestemmt und leise seufzend stand ich bereits zehn Stunden in einem stickigen Kölner Filmstudio und beobachtete die Schauspieler, die krampfhaft versuchten, eine Streitszene zu spielen. Aber bei jedem Take verhaspelte sich einer von beiden. Der Unmut im Team stieg. Überstunden wieder vorprogrammiert. Und die Darsteller spürten den Druck.

Und dann kam mir eine Erkenntnis: Schauspieler zu sein, ist gar nicht mal immer so geil. Na ja, für die 98 Prozent, die nicht ganz oben sind, zumindest. Die Allgemeinheit stellt sich unter dem Beruf des Schauspielers Glamour, rote Teppiche und Prestige vor. Das ist eine Wahrheit. Aber hinter dieser breitet sich ein riesiger Schatten aus, der leider eine ganz andere Realität zeigt.

Damals in dem Studio, während wir eine Telenovela drehten, hatte das gesamte Team ein straffes Pensum: Täglich mussten 19 bis 21 Minuten Sendematerial generiert werden. Das klingt wenig? Zum Vergleich: Bei einem Kinofilm kommt man auf täglich 4 Minuten. Manchmal sogar auf weniger. Aber hier, hier war der Schauspieler eine Ware. Schnell abliefern, keine Zeit für künstlerische Freiheit. Und mit einem Fuß schon in der nächsten Szene. Qualität? Kunst? Zweitranging. Denn den Produzenten geht es um eine einzige Frage: „Wie kriegen wir möglichst viele Menschen vor den Fernseher?“

In Deutschland leben über 20.000 Schauspieler. Wie viele davon können wir aufzählen? Tatsächlich wird überwiegend auf Zugpferde gesetzt. Ist der Marktwert eines Schauspielers recht hoch, wird er so oft es geht eingesetzt. Ein Quotengarant. Ob er für die jeweilige Rolle wirklich geeignet ist, ist weniger wichtig.

Kleines Beispiel: Im vergangenen Jahr stand ich für das Filmfest München auf dem roten Teppich. Bei der Premiere zu DAS SCHÖNSTE MÄDCHEN DER WELT warteten viele ungeduldige Kids mit Stift und Zettel auf ihre Stars. Da habe ich mal herumgefragt, auf wen sie sich freuen. Es wurden abwechselnd zwei Namen genannt. Zwei Influencer, die aufgrund ihrer Reichweiten in den Film geschrieben wurden. Die „echten“ Schauspieler waren zunächst weniger interessant. Und ich weiß es nicht, aber ich denke, dass auch diese beiden Influencer die besseren Deals bei der Gagenverhandlung gemacht haben. Nichtsdestotrotz wurde bei der Besetzung der Hauptrollen mit Aaron Hilmer und Luna Wedler gute Arbeit geleistet.

Als ich anfing, mich mit diesem Thema für die Kolumne zu beschäftigen, rief ich Freunde an, die als Schauspieler arbeiten. Einer davon war lange in einer bekannten Schnulzenserie zu sehen, bis er sich dem Theater zugewandt hat. Neben seinen saisonalen Engagements am Theater hält er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser. Meist mit Werbespots oder als Producer. Ich weiß selten, wo er steckt, denn als Schauspieler gehst du dorthin, wo die Jobs sind.

Ein anderer Freund pendelt zwischen München und Köln. Er hat eine langfristige Festanstellung in einer erfolgreichen Vorabendserie. Dem geht es gut. Zumindest finanziell. Den künstlerischen Anspruch hat er weit heruntergeschraubt, den erfüllt er sich mit seinem zweiten Standbein: der Musik. Zweigleisig fahren ist also Programm. Auf meinem Weg ins Büro mache ich immer einen kurzen Stop beim Refinery High End Coffee in Berlin-Mitte. Ab und zu lächelt mich ein bekanntes Kinogesicht hinter der Kasse an: Schauspielerin Gizem Emre hat sich vor zwei Jahren ihr zweites Standbein mit diesem Café geschaffen.

Falls ihr euch also fragt, was die Schauspieler die meiste Zeit machen, wenn sie nicht vor der Kamera stehen: Sie versuchen, ihre Existenz zu sichern. Kaum ein Schauspieler kann von seinen Gagen leben. Das Geld kommt in unregelmäßigen Schüben. Wenn man Glück hat, in großen Schüben, sodass man einige Zeit davon leben kann. Wenn man Pech hat, zieht man sich eine Wartemarke beim Jobcenter. Ja, genau: Jobcenter, denn für Arbeitslosengeld reichen die Tage nicht aus, an denen sozialversicherungspflichtig geschauspielert wurde.

Zehn bis zwanzig Drehtage im Jahr hat der Durchschnittsschauspieler. Die Statistik geht von einer Tagesgage in Höhe von 900 Euro aus. Meist liegt sie weit darunter. Das Finanzamt arbeitet aber mit diesen Statistiken, und diese Durchschnittsgage wird automatisch auf den ganzen Monat gerechnet. Also Höchststeuersatz. Aber auch, wenn man beim Lohnsteuerjahresausgleich etwas zurückbekommt, frage ich mich: Wie soll man denn bis dahin mit dem wenigen Geld leben? Denn zehn bis zwanzig Prozent Agenturprovision müssen ja auch noch gezahlt werden!

Angst regiert die Branche

Eine tolle Rolle in einem erfolgreichen Film zu haben, ist kein Garant dafür, dass es in Zukunft genauso gut läuft. Sibel Kekilli war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, als sie sich in einer Dankesrede an Produzenten und Caster mit den Worten „Vergesst mich nicht“ wandte. Weil sie weiß, dass man so schnell, wie man aufblühte, wieder in der Versenkung verschwinden kann.

Schein und Sein

Auf dem roten Teppich tragen sie die schönsten Kleider und werden gefeiert. Dass die Kleider meist geliehen sind und das Geld fürs Taxi nicht einmal gereicht hat, deshalb die Anreise also mit der U-Bahn erfolgte und sich auf der Toilette umgezogen wurde, wissen die wenigsten. Das klingt vielleicht alles ganz furchtbar, aber jeder Schauspieler, obgleich auch oft am Rande einer Depression, ist der gleichen Meinung: Wenn man Arbeit hat, ist Schauspielerei der schönste Beruf der Welt.

Zum Abschluss noch ein Instagram-Fundstück von Jane Fonda, die uns mit dieser Realität einmal mehr zeigt, dass Schauspieler jenseits von Blitzlichtgewitter und roten Teppichen auch nur Menschen sind.

Sou Boujloud

 

Jane Fonda schrieb unter ihr Foto: “Here’s me the next morning. I couldn’t get my dress unzipped so I slept in it.. never wanted a husband in my life until now.”

 

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