Vegan-is-mus(s)?! | UNVERBLÜMT

Sou Boujloud: ProfilbildVegan-is-mus(s)?!

Ein totes Tier hängt von der Decke

Ich zerlege euch ein Lamm, ein Schaf, entschuppe Fische und schabe Pansen aus. Und das alles fachgerecht. Ich bin eine Queen im Zubereiten von Fleischgerichten. Vor zwei Jahren gewann ich die T-Bone-Steak-Challenge bei der ZDF KÜCHENSCHLACHT. Das habe ich von meiner Mama schon früh gelernt.

Unsere Sommerferien verbrachten wir jedes Jahr in Marokko. Dort war es selbstverständlich, dass Schafe, Hühner oder Karnickel noch zu Hause geschlachtet werden. Morgens spielte ich mit den Tieren, mittags lernte ich Anatomie. Ich fragte die Erwachsenen, was welches Organ sei, während das frisch geschlachtete Tier zum Ausbluten von der Garagendecke hing. Und abends war ich dabei, wenn das jeweilige Tier verhackstückt und zubereitet wurde. Von Anfang bis Ende alles hygienisch und nachhaltig und irgendwie auch völlig normal.

Als ich 16 wurde, also vor über 18 Jahren, hörte ich schließlich auf, Fleisch zu essen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Gewinn der Steak-Challenge als damals einzige Vegetarierin der Gruppe noch herausragender, nicht wahr?! Wie passt das zusammen? Nun, im Laufe der Jahre, in denen ich meinen Wandel immer wieder erklären musste und jedes Mal aufs Neue nicht so richtig wusste, was ich da genau erklären sollte, erlangte ich zu folgender Erkenntnis: Veränderungen passieren. Mit einer notwendigen, individuellen Unaufhaltsamkeit. Und am besten passieren sie auf natürliche Weise und allem voraus: für einen selbst.

Wir alle haben so jemanden in unserem Bekannten- oder Freundeskreis: Hardcore-Veganer. Und mal ehrlich: Keiner kann Leute leiden, die einem ungefragt die Lebensweisen aufschwatzen, die für sie selbst gelten. Und dann ist es so wie die Zeugen Jehovas, die zu unchristlichen Zeiten an deiner Haustür klingeln und dich fragen, ob sie dir Gott näherbringen dürfen. Und die Antwort darauf und auf alle selbst ernannten Propheten jeglichen Extremismus’ in allen Bereichen der irdischen und überirdischen Existenz lautet daher immer und für alle Zeit: Danke, nein. Denn die richtige Veränderung beginnt in und aus einem selbst. Ich wiederhole mich. Sollte aber Interesse bestehen, so weiß ja nun jeder, wo er die nötigen Informationen und einen geeigneten Austausch findet. Dass ihr bis hierhin gelesen habt, lässt auf einen gewissen Anteil dessen an diesem Thema schließen.

Kommen wir also zurück zur Antwort auf die Frage, was eine Veränderung in mir ausgelöst hat. Es war ein aufgetautes Suppenhuhn. Wie wahrscheinlich viele andere Fleischesser, habe ich nicht wirklich hinterfragt, was genau auf meinem Teller lag. Ich mochte den Geschmack und die Konsistenz. So bin ich aufgewachsen und so war Fleisch ein selbstverständliches, abstraktes Konsumgut.
Im Hochsommer vor 18 Jahren kam ich ganz aufgeregt aus einer Ausstellung, die mich zu einem eigenen Kunstprojekt inspirierte. Dieses Projekt beinhaltete ein aufgetautes Suppenhuhn und die Kunst der Teilaktfotografie. Habe ich erwähnt, dass es Sommer war? Es war Sommer. Mega heiß. Das Projekt wurde ein Erfolg. Ich habe es sogar in meine Arbeitsproben für die Eignungsprüfung an meiner späteren Hochschule aufgenommen.

Zurück zum Suppenhuhn. Am Tag des Projekts war ich zum Schwimmen verabredet. Das aufgetaute Suppenhuhn sollte in die Küche, damit es noch gegessen werden kann. Ich habe es aber aus Versehen mit auf die Terrasse genommen und ließ es zurück, als ich dann mit dem Fahrrad losfuhr. Vier Tage sollte die Tupperdose unbemerkt bleiben. Bis mich meine Mutter fragte, was denn in dieser Dose auf der Terrasse sei. Oh scheiße.

Und wir ihr wisst, ist Tupperware kein günstiges Einweggut und diese Tatsache führte mich zur vielleicht dümmsten, aber auch ein für allemal lebensveränderndsten Tat aller Zeiten: Ich öffnete die Dose. Der Verwesungsgestank dieses unschuldigen Lebewesens fuhr in meine Nase, meinen Kopf und mein Herz. Und es blieb dort. Für immer. Von diesem Moment an nahm ich den furchtbaren Geruch, der nicht nur Ekel, sondern auch Scham und Bedauern über meine widerliche Tat gegenüber diesem Huhn in mir auslöste, unmittelbar wahr, sobald es zu Hause Hähnchen zu essen gab. Ich fühlte mich wie eine Darstellerin in A CLOCKWORK ORANGE. Und das sollte nur fair sein.

Es folgten intensive gedankliche Auseinandersetzungen über den Umgang mit Tieren. Ich nahm Fleischkonsum bewusster wahr. Plötzlich erschien mir das Einverleiben eines ganzen oder – wie üblich – teilweisen Lebewesens geradezu pervers. Etwas Totes kauen, herunterzuschlucken und stundenlang im Körper zu behalten. Der eigene Organismus macht etwas mit diesem einstigen Lebewesen. Ich fand es nicht richtig, einen Körper, der oft nicht gänzlich in meinen Magen hineinpasst, aufzuteilen und in verschiedene Menschen zu tun.

Zuerst hörte ich auf, Geflügel zu essen. Dann aß ich kein rotes Fleisch mehr. Und schließlich, vor gar nicht allzu langer Zeit, hörte ich auch auf, Fisch zu essen. JOKER-Darsteller Joaquin Phoenix wuchs vegan auf. In einem Interview erzählt er, dass er keinen Sinn in der Grausamkeit des Tötens eines Lebewesens gesehen hat, nur, um es zu essen. Wenn es doch genug andere Lebensmittel gibt, die man statt des Tieres konsumieren könne.

Mit dem Älterwerden werde ich (zum Glück) auch klüger. Denn ich informiere mich. Ich erfahre, woher die Eier kommen, die ich im Supermarkt kaufen kann. Wie die Hühner gehalten werden. Wie die Milch produziert wird, die man kubikmeterweise in jedem (Kühl-)Regal eines Lebensmittelgeschäfts finden kann. Übrigens: Wusstet ihr, dass ein gewisser Anteil an Eiter in einem Liter Milch völlig legitim ist? Und ist euch schon einmal aufgefallen, wie viel Quadratmeter Fleischtheke es in JEDEM Supermarkt gibt, von dem es gleich mehrere Dutzend pro Stadtviertel gibt? Ich kann das einfach nicht mit mir vereinbaren. Zumindest nicht so.

Wenn ich meine Oma in Marokko besuche, dann sammle ich auf dem Dorf die Eier von den freilaufenden Hühnern auf. Wenn die Kuh gekalbt hat, zapfen wir uns etwas Milch ab. So war es, bevor der Mensch größenwahnsinnig wurde und seine Konsumsucht über alles andere stellte und seitdem tierische Sklaven hält, die er vergewaltigt, misshandelt und ausbeutet. Das klingt radikal und ist bedauerlicherweise genauso wahr.

„WOW, NO COW!“

Der Grund dieser heutigen Kolumne liegt zum einen daran, dass ich nach meiner Begegnung mit ALADDIN-Hauptdarsteller Mena Masoud auf sein Evolving Vegan-Projekt aufmerksam geworden bin, und zum anderen, dass ich mich zufällig, aber zunehmend vegan ernähre. Das liegt unter anderem daran, dass ich Reismilch und Hafermilch für mich entdeckt habe und wohl auch an der Tatsache, dass es in Berlin unzählige vegetarische und vegane Restaurants gibt!

Als ich damals Vegetarierin wurde, mochte ich ja trotzdem noch den Geschmack von Wurst. Und bevor wieder geschimpft wird: Man kann Fleisch mögen und aus ethischen Gründen trotzdem keins essen! Und außerdem mögen wir doch meist nur die Gewürze und nicht den Geschmack von purem Fleisch. 😉
Diese Tatsache machen sich mittlerweile etliche Firmen zunutze. Damals musste ich meine vegetarische Salami noch für teures Geld im Reformhaus kaufen. Heute kann ich mich vor lauter Angebotsvielfalt im Supermarkt gar nicht entscheiden.

Ich vermisse nicht den stalligen Nachgeschmack von Kuhmilch auf der Zunge, wenn ich Hafermilch trinke. Ohne Scheiß: Ich dachte echt, dass meine Liebe zu Kaffee der Grund sein würde, dass ich niemals mit dem Kuhmilchtrinken aufhören könnte. Aber die Leute von Oatly haben’s echt drauf. Und wenn es bald Schokolade aus etwas anderem als Kuhmilch gibt, dann weiß ich, dass ich nicht zur Trauer einer Kuh und ihres Babys beigetragen habe.

Ich komme zur einen Hälfte aus einer Kultur, in der das Schlachten und Essen von Tieren wohl niemals aufhören wird. Ich lebe in einer Kultur, die den Konsum von Fleisch als „natürlich“ deklariert. Und da bin ich mir aber gar nicht so sicher. War und ist es in einigen Ländern von Notwendigkeit, Tiere zu essen, so haben wir hier doch eine Millionen Alternativen, es nicht zu tun, wenn es Leid verhindern kann. Aber wir sind zu bequem, zu ignorant, zu sehr unseren Gewohnheiten erlegen.

Sollte ich jemals meinen Traum vom eigenen autarken Hof erfüllen, dann werde ich Hühner haben und Bienen und ganz gewiss werde ich dann wieder Rührei und Brot mit Honig essen. Bis dahin sage ich niemals nie, aber schaue ganz genau darauf, was ich da zu mir nehme.

Ob Karnismus, Vegan, Veggie oder Flexi: Wie wir uns ernähren, ist eine Entscheidung. Und diese sollte mit Herz und Hirn getroffen werden.

Sou Boujloud

 

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