Berlinale 2018 – Tag 9 | Teddy Awards 2018 und einer der umstrittensten Wettbewerbsfilme

Das tägliche BERLINALE-TAGEBUCH 2018

Mit der Vergabe der Preise kommt die Berlinale 2018 langsam zum Ende. Wir waren am Freitag bei der Verleihung der “Teddy Awards 2018” im Haus der Berliner Festspiele, dem queeren Filmpreis der Berlinale, der traditionell einen Tag vor der Verleihung der Goldenen bzw. Silbernen Bären verliehen wird. Oder wie es der diesjährige Moderator Jack Woodhead sagte: Das wichtigste Treffen der queeren Filmlandschaft. Das wäre vielleicht etwas übertrieben, aber gekommen waren zumindest viele. Von Vertretern aus der Politik wie Björn Boehning, Klaus Wowereit, Volker Beck oder Monika Treut. Geprägt war die Veranstaltung aber wie jede Gala von diversen Showeinlagen, einigen Reden und deer überkandierten Ansagen des Moderators. Und natürlich der Verleihung der Preise selbst. Hier könnt ihr euch die Teddy Gala nochmal anschauen. Unten findet ihr eine Liste mit den Preisträgern.

Die Preisträger des TEDDY AWARDS 2018

Bester Kurzfilm:

Three Centimetres (Generation) 

Bester Dokumentarfilm:

Bixa Travesty (Tranny Fag) 

Spezialpreis der Jury:

Obscuro Barocco

Bester Spielfilm:

Tinta Bruta (Pano)

Der L`Oreal TEDDY Newcomer Award:

Retablo (Generation) 

Der TEDDY Leserpreis:

Las Herederas (The Heiresses) 

Alle Filme, die wir am Freitag sahen, findet ihr hier:

TINTA BRUTA  / SEKTION PANORAMA

Tinta Bruta / Copyright: © Avante Filmes

TINTA BRUTA handelt von einem jungen Mann in Porto Alegre in Brasilien, der sein Geld in Chatrooms verdient. Vor der Webcam verwandelt er sich in NeonBoy, tanzt dort nackt und bemalt seinen Körper. Befolgt dabei den Aufforderungen seiner Usern und trifft sich mit ihnen in privaten Chats. Bis jemand seine Show imitiert und er entscheidet sich mit dieser Person auch persönlich zu treffen. TINTA BRUTA, das ist ein Film über die Sehnsucht nach Intimität, Liebe und Geborgenheit. Ein Film über einen jungen Mann, der sich nichts sehnlicher wünscht, als aus seinem Schatten der Webcam zu treten. Ein Film mit einem elektrisierenden, elektronischen Soundtrack und einer dunklen, faszinierenden Atmosphäre. Gewinner des “Teddy Awards 2018” in der Kategorie “Bester Spielfilm”.   .

Weitere Vorstellungen:
25.02. 17h45 CineStar 3

PROFILE  / SEKTION PANORAMA

Profile / Copyright: © Bazelevs

Im Film wird die Entwicklung der Recherche der Investigativjournalistin detailreich erzählt, wobei die gefährliche Rolle des Internets bei der Verbreitung von Terror durch extremistischen Islamismus deutlich wird: Es ist erstaunlich leicht, mit einem gefälschten Facebook-Profil die Identität einer jungen Konvertitin an- und ganz schnell Kontakt zum IS aufzunehmen. Die Entwicklung der Figuren und die Motivation und Schicksale der einzelnen Figuren werden mithilfe von Zeitsprüngen dargestellt und so für den Zuschauer nachvollziehbar. Sogar die des Terroristen und die der jungen Frauen, die freiwillig das freie Europa verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Bilel, der Terrorist, der die junge Frau rekrutieren will, ist in armen Verhältnissen aufgewachsen und hatte im reichen Europa nie wirklich eine Chance. Seine Eltern sind tot und sein Bruder sitzt im Gefängnis. Es hat sich so viel Wut und Perspektivlosigkeit angestaut, dass er keinen Ausweg sah. Er protzt damit, Menschen zu töten und gibt sich Melody gegenüber dabei so sympathisch, interessiert und einfühlsam, dass man sich nach dem Film etwas besser erklären kann, was junge Frauen dazu bringen kann, Männern in ein Kriegsgebiet zu folgen.

Bei all dem Verständnis schafft der Film es jedoch immer, nie etwas zu entschuldigen. Für den Zuschauer bleibt zu jedem Zeitpunkt klar, dass Bilel ein mordender Terrorist ist, auch wenn die Grenzen zwischen Melody und der tatsächlichen Journalistin Amy teilweise verschwimmen und sie anfängt, tatsächlich mit ihm zu sympathisieren.

Soviel zur Story, die vielen ja ohnehin bekannt ist und die den Film keinesfalls spoilert. Gern würden wir an dieser Stelle noch etwas zur Machart des Filmes schreiben. In dieser Hinsicht fällt es mir jedoch ziemlich schwer nicht zu viel zu verraten und damit die Überraschung vorwegzunehmen, die mich am meisten fasziniert hat. Deshalb nur so viel: Der Film ist großartig umgesetzt und wahnsinnig innovativ. Der Computer tritt als Fenster in die parallele Realität des Internets in den Fokus und zeigt, wie sie unsere Lebensrealität beeinflussen und gefährden kann. Dafür bedient Timur Bekmambetov sich Mitteln, die entgegen aller Sehgewohnheiten funktionieren und den gesamten Kinosaal mit vor Spannung aufgerissenen Augen in den Sesseln sitzen lässt – auch nach über einer Woche Berlinale.

Insgesamt wird die sehr interessante Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählt, wobei viele Motivationsgründe thematisiert und am Ende entkräftet werden. Der Film macht die Gefahr greifbarer und dient – genau wie die ursprünglichen Recherchen der Anna Erelle – der Abschreckung und wird hoffentlich viele Menschen erreichen.

Weitere Vorstellungen:
25.02. 19h00 Zoo Palast 1

UTOYA 22. JULI  / SEKTION WETTBEWERB

UTOYA 22. JULI / Copyright: © Agnete Brun

Sind sieben Jahre ausreichend für eine fiktionale Aufarbeitung? „Darf“ man solch ein Thema in einer subjektiven Form erzählen? „Utøya 22. Juli von Regisseur Erik Poppe ist wohl einer der umstrittensten Filme im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.

„Utøya 22. Juli“ beginnt mit einem Art Prolog mit originalen Überwachungskameraaufnahmen von der Explosion im Osloer Regierungsviertel am 22. Juli 2011. Die Geschichte beginnt dann auf der Insel Utøya, auf der das Jugendcamp der norwegischen Arbeiterpartei stattfindet. Kaya telefoniert mit ihrer Mutter und ärgert sich über ihre jüngere Schwester, da diese sich vergnügt, obwohl in Oslo gerade solch ein schlimmes Ereignis stattfand. Die Jugendlichen auf der Insel rätseln darüber, wer den Anschlag verübt hat. Plötzlich fallen Schüsse, Kaja und ihre Freunde rennen zunächst in das nächststehende Häuschen. Immer wieder fallen laute Schüsse. Was folgt ist eine Flucht über die Insel, wobei die Kamera stets bei Kaja bleibt – großartig gespielt von Andrea Berntzen – und bei der es keinen sichtbaren Schnitt gibt. Man erlebt mit, wie sich Kaja versteckt, ihre Mutter anruft, einem Jungen hilft, versucht ihre Schwester in dem Chaos zu finden und einem Mädchen beim Sterben die Hand hält. Die Kamera folgt Kaja nicht ausschließlich, sie verlässt ihre beobachtende Position manchmal auch und schaut auch selbst über das Gebüsch und hält Ausschau nach dem Peinigern. Somit wird der Zuschauer selber zum Verfolgten. Dabei streckt sich die Zeit ins Unermessliche. 72 Minuten hat der Angriff des „rechtsextremen 33-Jährigen“, wie er am Ende des Films betitelt wird, auf der Insel auf die Jugendlichen gedauert. Erik Poppe sagte in der Pressekonferenz am Vormittag vor der Premiere, dass er mit der Wahl des One-Take die Zeit greifbar machen wolle und es eine der schwierigsten Formen sei im Kino zu beschreiben. Genau das schafft Poppe mit seinem One-Take, dabei ist die Kamera nie voyeuristisch oder sensationslustig. Der Fokus ist bei den Opfern und nur einmal ganz kurz wird der Peiniger gezeigt. Da hätte Poppe etwas konsequenter bleiben können und ihn wirklich nur in Form der immer wieder in unregelmäßigen Abständen ertönenden furchtbar lauten Schüsse behalten können. Allerdings bleibt Poppe auch da in der Perspektive der Jugendlichen und man sieht ihn nur ganz kurz einen Wimpernschlag später ist der Peiniger wieder verschwunden.

Im Moment gibt es noch keinen Clip oder Trailer zu Vermarktungszwecken, weil alle Beteiligten das Thema mit großem Respekt behandeln möchten, erklärt Produzent Stein B. Kvae. Es sei viel mit den Überlebenden gesprochen worden und es gäbe bereits im Vorfeld Screenings, die sie sich anschauen konnten.

Die Geschichte von Kaja ist eine fiktive, zusammengesetzt auch aus den vielen erzählten Erlebnissen von den Jugendlichen, die den grausamen Amoklauf überlebt haben. Auf der Premiere in Berlin und der vorherigen Pressekonferenz waren drei Überlebende anwesend, die zu Wort kamen. Eine junge Frau, die das Massaker überlebte, sagte, dass es ihr schwer fällt über das Erlebte zu reden, dass sie sich distanzieren muss um es zu erzählen. Die Form eines Films kann einen anderen Weg bieten das Geschehene zu erzählen als es das geschriebene Wort oder das reine Erzählen könnte. Für sie sei es ein Teil von Norwegens Geschichte und es sei wichtig zu zeigen wohin Rechtsextremismus führen kann, um es nicht zu vergessen.

Kaya schaut ganz am Anfang in die Kamera und sagt „Du wirst es nie verstehen. Hör mir zu.“ Wir können es nicht verstehen, wir haben es ja nicht erlebt. Aber sich den 72 Minuten Ungewissheit und Angst auszusetzen bringt uns vielleicht ein wenig enger zusammen und lässt uns nicht vergessen.

Weitere Vorstellungen:

 

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