Purl: Achtung, Frau am Arbeitsplatz! | UNVERBLÜMT

Animations- & Zeichentrickfilm:
nicht nur Kindersache

ICH! LIEBE! ZEICHENTRICK! Dank meiner Nichte und meines Neffens bin ich noch heute bestens über die aktuellen Trends informiert. Noch lieber als Zeichentrick mag ich aber Animationsfilme. Sofern sie gut gemacht sind.
Seit Jahren bin ich g-r-o-ß-e-r Fan der Pixar Animation Studios. Als ich jung war, ging ich gerne früher ins Kino, weil ich die kurzen Filmchen im Vorprogramm so toll fand. Dank des World Wide Webs kann ich sie mir mittlerweile immer wieder anschauen. Dass Pixar große Beliebtheit auf der ganzen Welt genießt, zeigt nicht zuletzt, dass Kurzfilme aus den Studios sogar bei der Academy für die Oscar-Nominierungen berücksichtigt werden.

Nun gibt ein neues Studio bei Pixar: SparkShorts. Hier darf sich ein Haufen neuer Talente kreativ voll ausleben. Und dieses Team hat gerade seinen ersten Kurzfilm herausgebracht: PURL.

PURL: die Handlung

In PURL geht es um einen pinken Wollknäuel (ja, richtig: pinke Wolle) namens Purl. Dieser Wollknäuel ist eine SIE und tritt ihren neuen Job in der „B.R.O. Capital“ an. Wie der Firmenname schon vermuten lässt, arbeiten hier nur „Bros“. Und so verhalten sie sich auch. Purls neuer Arbeitsplatz ist also ein von Männern dominiertes Gebiet. Akzeptanz einer neuen MitarbeiterIN? Fehlanzeige! Das lässt man(n) sie auch spüren.
Purl wird der Einstieg wirklich nicht leicht gemacht. Sie will doch nur dazugehören …

Schließlich legt sie alles ab, was sie als Person ausmacht, und passt sich der allgemeinen Atmosphäre, den Verhaltensweisen und der Optik ihrer männlichen Kollegen an. Sie wird akzeptiert, verliert dabei aber das Wichtigste: sich selbst.

PURL: der Film

Achtung, SPOILER: Als eine neue Kollegin in die Firma kommt, scheint das Übliche seine Wiederholung zu finden: Das – dieses Mal gelbe – Wollknäuel wird ebenso behandelt wie unsere Purl zu Beginn. Doch glücklicherweise ist unsere Hauptfigur zur Reflexion fähig und lässt nicht zu, dass ihrer neuen Kollegin das passiert, was sie selbst erleben musste.
Und die Moral von der Geschicht’: „Verändere dich für andere nicht!“

PURL: Making-of

Meine Gedanken zu PURL

Ich will jetzt nicht die pseudofeministische Keule schwingen, aber in manchen Aspekten dieses Kurzfilms habe ich mich tatsächlich selbst wiederentdeckt. Die Film- und Medienbranche, zum Beispiel, ist eine von Männern dominierte Welt. Ich habe als Studentin begonnen, beim Fernsehen zu jobben. Im Laufe der Jahre arbeitete ich in fast allen Bereichen rund um die Film- und Fernsehproduktion. Dabei musste ich meine Fähigkeiten immer und immer wieder beweisen. Einerseits war es unsagbar anstrengend, andererseits liebte ich die Herausforderung. Mit drei Brüdern aufzuwachsen, ließ mich wohl schon früh einen gewissen Durchsetzungswillen entwickeln. Am Set war ich immer das „Rehauge“. Ein Mädchen in einem rauen Beruf. Um nicht immer belächelt zu werden, übte ich mich in Schlagfertigkeit und einer rotzigen Art, die mich davor bewahrte, für alle nur das kleine, süße Ding am Set zu sein, welches nicht ernstgenommen wird. Hat funktioniert. So einfach war es aber nicht.

Eine kleine Geschichte

Als ich Anfang 20 war, gab es ein mehrmonatiges, intensives TV-Projekt. Arbeitszeit: 14 bis 16 Stunden täglich. Ich kann mich daran erinnern, tatsächlich die einzige weibliche Mitarbeiterin am Set gewesen zu sein. Ich gehörte zur Kameraabteilung. Beim Ton und Licht waren nur Männer. In den anderen Departments wie Maske, Kostüm und Requisite gab es zwar Frauen, aber die waren immer nur kurz da. Jedenfalls hatte ich es als Set-Lady nicht immer sonderlich leicht. Der Großteil des Teams war super. Allesamt lieb und lustig und es bildeten sich sogar Freundschaften. Aber “schwarze Schafe” gibt es ja bekanntermaßen überall. Da gab es teilweise Sexismus und Respektlosigkeit. Manchmal wurden Grenzen überschritten. Und dann stehst du da: in einem Job, den du eigentlich liebst, bei dem du aber unterzugehen drohst. Also traf ich eine eher unfreiwillige Entscheidung: Am Set wurde ich weniger Sou und dafür mehr Mann. Es funktionierte. Aber in meinem Bauch nicht. Zu Hause plagte mich immer ein komisches Gefühl. Ich wollte ja gar nicht so sein wie die, die ihre Grenzen nicht zu kennen schienen. Nicht so sprechen, nicht so handeln und vor allem nicht so denken! Ich wollte einfach nur akzeptiert und vor allem respektiert werden.

Aber dafür muss man sich ja gar nicht verändern. Im Gegenteil: Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens am Arbeitsplatz. Da ist es doch umso wichtiger, dass man sich als Mensch wohlfühlt. Für mich ist die Arbeit etwas, das ich gefühlstechnisch nicht vom privaten Leben trennen möchte. Ich will nicht leben, um zu arbeiten, und ich will aber auch nicht nur arbeiten, um zu leben. Ich will beides! Und ich will in beiden Bereichen das gleiche Wertesystem und die gleichen Ansprüche haben. Ich möchte, dass ich mich freue, zur Arbeit zu gehen. Dass ich mich angenommen fühle – genau so, wie ich meine Team-Kollegen annehme. Ohne sie in Sachen Alter, Geschlecht, Erfahrung, Herkunft oder Aussehen zu bewerten. Aber damals wusste ich es nicht besser. Ich habe mich nicht getraut, ich zu sein.

Diese Geschichte nahm ein relativ bitteres Ende. Ich habe mich zunehmend unwohl gefühlt. Und so wurden die einst geselligen und lustigen – es war ja nicht permanent kacke – Tage so unangenehm wie zäher Kaugummi in den Haaren. Und am allerletzten Tag passierte etwas, was womöglich nicht passiert wäre, wenn ich von Anfang Integrität bewiesen hätte. Nun, aus Fehlern lernt man ja bekanntermaßen.

Aber, aber!

Das alles heißt jedoch nicht, man hätte es als Frau in der Arbeitswelt nur schwer. Mir ist ziemlich bewusst, dass sich mir einige Türen geöffnet haben, eben WEIL ich eine Frau bin. Ich habe nur den Eindruck, dass Frau es oft schwerer hat, weil sie diesen Beweis, dass sie etwas auf dem Kasten hat, immer wieder liefern muss. Aber selbst, wenn Frau etwas kann, braucht sie Möglichkeiten, das zeigen zu können.  Diese hatte ich zum Glück.

Also …

Wichtig ist einzig und allein, dass man einander respektiert. Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir am Arbeitsplatz. Und deshalb ist es doch so wahnsinnig wichtig, die gute Atmosphäre als heilig zu behandeln. Keine Hierarchie rechtfertigt es, Mitarbeitern despektierlich entgegenzutreten. Leider rutscht man selbst schnell und ohne es zu merken in diese vorherrschenden Muster, wenn man nur lange genug in dieser Suppe ausharrt. Es passiert einfach. Wie ein Überlebensdrang.

Das muss und darf aber nicht sein!

Horcht in euch hinein und schaut, ob ihr im Arbeitsalltag der Mensch seid, mit dem ihr selbst gern zusammenarbeiten würdet. Seid euer bester Kollege. Man muss nicht Everybody’s Darling sein, und wirklich private Dinge gehören auch nicht ins Büro. Aber, um Himmels Willen: Seid lieb zueinander.
Wenn man sich unvoreingenommen und gleichberechtigt begegnet, kann der Gedanke an Montag ein richtig schönes Gefühl bereiten.

 

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