THE SUICIDE SQUAD: Wie schlägt sich James Gunns Superschurken-Task Force auf Blu-ray?

„What. A. Blast.“, schwärmte Daniel Schröckert zum Kinostart. „Da muss erst James Gunn kommen, damit das DCEU einen guten Film erhält“, urteilte Genre Geschehen-Kollege André Hecker auf Letterboxd. Inzwischen ist James Gunns Superschurken-Task-Force-Neuinterpretation THE SUICIDE SQUAD auf DVD, (4K-)Blu-ray und digital erhältlich – und Schröck sagt euch, was THE SUICIDE SQUAD im Heimkino hergibt.

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Daniel Schröckert auf Letterboxd über THE SUICIDE SQUAD:

What. A. Blast. Gunns gloriosen Bastard von einem Comic-Blockbuster kann ich nur mit diesem Satz auf den Punkt bringen. Auch wenn er nun schon so abgelutscht wirkt wie die Türscheibe eines inhaftierten, 1,80 Meter großen Wiesels, das 27 Kinder gekillt hat. Gerade bei Filmen, in denen es vielfältig spritzt, kracht, splittert, witzelt, dampft, starpowert oder nach verbranntem Geld riecht, wird er ja gerne gebracht. Doch so oft ich ihn lese, so oft kann ich ihn nur verstehen, aber in seinem Umfang nicht teilen. Nicht so bei THE SUICIDE SQUAD. Hier fühle ich ihn. Auf so vielen Ebenen. Er ist wahrlich eine befreiende Explosion. Von einem, der im wahrsten Sinne frei/drehen durfte. Der absurde Antihelden-Aufträge und Antihelden-Action mit passenden Motivationen und viel Mitgefühl vereint. Der mit allen Mitteln zeigen will, dass es auch anders geht. Und der Menschen von einem Hulk-Hai in zwei Hälften zerreißen lässt.

Somit kann ich auch eine der dringendsten Fragen direkt beantworten: Ja, THE SUICIDE SQUAD ist auffallend besser als der erste Film. Auf den will ich hier nicht weiter einhacken. David Ayer hat nun schon oft genug gesagt, dass wir seine Version nie gesehen haben. Das glaube ich ihm. Auch infolge von eigenen Erfahrungen, da ich mit ihm, Margot Robbie, Joel Kinnaman, Will Smith und Filmjournalisten aus aller Welt zur Premiere in London reden durfte. Man merkte, dass da was war. Speziell an Ayer, der angespannt wirkte. Und konzentriert, nichts Falsches zu sagen. Diese Konzentration fehlte der ersten SUICIDE SQUAD. In fast allen Bereichen. Dafür gab es Mythen, Memes, miese (sowie gute) Kritiken, eine Menge Geld und sogar ein goldenes Männchen. Wessen Schuld oder Erfolg das jetzt war, weiß ich nicht. Es wird an allen gelegen haben. Am Regisseur, am Studio, an den Producern und an anderen Entscheidungsträgern. Anhand späterer Ayer-Werke wie BRIGHT oder TAX COLLECTOR habe ich dennoch gewisse Restzweifel, dass sein Director’s Cut so viel besser geworden wäre.

Doch genug vom A-Team. Die Fehler der Vorgänger sollen hier nur noch einem Zweck dienen: als Überleitung zu den Fehlern von Team B(rutal). Bevor ich (zu) euphorisch werde. Oder Probleme thematisiere, die bisher nur in der Theorie existieren. So muss ich sagen, dass der zweite Versuch der DC-Hot Shots schon etwas zu lang geraten ist. Gunn gönnt sich auf dem Weg zum Ziel ein paar Sidequests, die streng genommen nicht viel mehr bringen als noch mehr Spaß und noch mehr verspielte Action. Das klingt natürlich merkwürdig für einen Film, der von Spaß und verspielter Action lebt. Aber bei einem Pensum, das von verschiedenen Befreiungsaktionen über Prinzessinnen-Romantik und Fenster-Flashbacks bis zum Stripclub-Ausflug reicht, gibt es eben auch Sequenzen, die weder die Figuren noch die Story sonderlich voranbringen. Sagen wir es so: Würden sie fehlen, würden sie die Mission nicht gefährden.

Dadurch fühlt sich das Himmelfahrtskommando etwas länger an, als es muss. Dadurch wird das Tempo etwas zu sehr gedehnt. Unterstützt von diesen kürzeren Momenten, die Gunn zu jeder Gelegenheit einstreut, um auf die Hintergründe oder Eigenheiten einzelner Figuren einzugehen. Die können immer wieder etwas bremsen. Sind aber auch genauso krawallig oder spaßig wie alles andere. Daher geht es mir auch nicht um einzelne Szenen, sondern um die reine Masse an sich. Um das Dauerfeuer, in dem nicht jeder Schuss mit der gleichen Härte treffen muss. Wo es der einen irgendwann egal ist, ob sich fünf oder neun Leichenberge auftürmen, findet der andere Sprüche über ejakulierende Engel vielleicht zu pubertär, während es für die, die beides feiern, zu oft um Ratten geht und ich den Verstand verliere, weil ich den Toxic Avenger nicht entdeckt habe, obwohl er doch in den Credits steht. Ein Übermaß, das auch der Soundtrack widerspiegelt, der gefühlt mehr Needles droppt als CRUELLA, CASINO und CHRISTIANE F. zusammen.

Klingt nach Chaos, klingt nach Overkill, klingt nach einem weiteren Big-Budget-Cartoon-Krieg, bei dem zu viele Soldaten in der Action verloren gehen. Also warum ist THE SUICIDE SQUAD genau die Truppe, mit der man einen Krieg gewinnt? Nun, weil ihr Film im Kern so schön gerade ist. Die Mission: Macht Jotunheim platt, die Forschungsanlage der Diktatur-Insel Corto Maltese. Der Sold: vielfältiger Straferlass. Bei Fluchtversuch: Boom. Also Schädelsprengung per implantierter Sprengkapsel. Und egal, welchen Umweg Gunn nimmt, sie alle führen am Ende zum gleichen Ziel: zu einem Seestern der Marke RICK & MORTY-Endgegner – assimilierend, kosmisch, einäugig, so wabbelig-riesig wie das Giant Incest Baby (alias Naruto Smith). Das ist straight, das ist simpel und das ist natürlich noch nicht alles. Gute alte Men-on-a-Mission-Schule. Zähe (Anti-)Helden, die die Fehler von anderen ausbügeln sollen – und eben nicht die Grundlage dafür sind, dass überhaupt ein auszubügelnder Fehler existiert.

Was mich zu meinem nächsten Euphorie-Schub führt: Gunn befreit seine Vision stärker von den Fesseln des Universums. Er muss sie weniger dem Universum anpassen. Eine seltene Freiheit für diese Franchise-Filme, die sich so gerne in anderen Genres ausprobieren – und dann doch der Serie oder Marke treu bleiben müssen. Die als Teenie-Roadtrip (SPIDER MAN: FAR FROM HOME), Heist-Movie (ANT-MAN) oder Bond-Klon (BLACK WIDOW) antreten, aber eben alle als Marvel enden. Die von gefallenen Helden oder Hybris handeln, aber am Ende wieder Xenomorphe metzeln lassen (COVENANT). Die eigentlich ein dralles Lack-und-Leder-Fetisch-Musical hätten sein können, aber unbedingt zwei BATMAN-Fortsetzungen werden sollten. Dass es anders geht, beweisen LOGAN oder JOKER. Und auch die GUARDIANS OF THE GALAXY waren mehr als nur „marvelish“. Denn sie alle sind unabhängiger von ihrem Umfeld, sie stehen mehr auf eigenen Beinen. Sie sind konzentrierter in ihrer Hommage, konsequenter im Stil.

So wie THE SUICIDE SQUAD, dem es scheißegal ist, welche Vorlage man kennt. Der sich völlig ohne Vorkenntnis genießen lässt. Der unbeirrt sein Ding durchzieht. Und der eben nicht nur behauptet, ein War-Caper-Film zu sein, sondern sich auch danach anfühlt. Das hier ist DAS DRECKIGE DUTZEND – in Spandex, Hightech-Rüstung, Rüschenkleid, XXL-Badehose oder Toilettenhelmen. Das hier ist AGENTEN STERBEN EINSAM – auf Corto Maltese und nicht Schloss Adler. Es ist Whack Hawk Down. Die Haie des Krieges. Stoßtrupp Starfisch. Die Brücke von Jotunheim. Die Hooligänse kommen. Sprengkommando Kaiju. Oder eben natürlich „DIE KANONEN VON NAVARONE – DC gets the Troma-Touch Edition“. Und ja, ich wiederhole es gern: Troma. Denn Gunn stürzt die Figuren und Ästhetik einer Comicwelt nicht nur in den Krieg – er benutzt auch die Härte und den Humor seines alten Studios als Schmiermittel. Das hier ist saftige B-Film-Unterhaltung für Erwachsene … und ein Budget von 185 Millionen Dollar.

Also werden unter anderem Körper flambiert, zerschossen, zerstampft, zerplatzt, zerhackt oder von Interdimensions-Viren zerschmolzen. Und nicht alle sind Gegner. Ein Selbstmordkommando ohne Verluste ist halt kein Selbstmordkommando. Es gibt Namen, die werden schon von der Liste gekratzt, noch bevor Viola Davis „Are you in or out?“ fragen kann. Oder die Reste eines explodierten Schädels den Vorspann einleiten. Aber diese Verluste sind nun mal Teil des Plans. Sie sollen den Schein wahren, dass es jederzeit jeden erwischen kann. Und tarnen, wer zumindest bis zum Finale durchhält. Demnach gibt es Söldner:innen, die kaum bis keine Bindung erzeugen sollen und mitunter nicht mehr sind als ein Gag. Und es gibt welche, die von Gunn eben mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ob ihre Motivationen, Konflikte oder Geschichten funktionieren, muss jeder selbst entscheiden. Aber man kann Gunn nicht vorwerfen, dass er nicht genug anbietet, die witzig, greifbar oder zumindest umweltbewusst sind.

Für mich haben sie richtig gut funktioniert. Denn unter dem Krawall und den Schauwerten verbirgt sich eine Menge Herz. Für die Charaktere, ihre Vorlagen und das Genre. So gelingen Gunn auch hier diese Momente, die mir schon die beiden Guardians-Filme so versüßt haben. Wenn sie sich in Teil ein aus dem Knast kämpfen. Wenn Yondu, Waschbär und Mini-Baum in Teil zwei das Ravager-Schiff zerlegen. „Wir sind Groot.“ Cat Stevens, das Feuerwerk und Rockets Träne. Oder wenn Peter den Brief seiner Mutter beendet. In all diesen Momenten wird mir warm ums Herz. Entgegen aller Ironie, Erfahrung oder Abgeklärtheit. Und eben solche Momente habe ich hier auch erlebt. Etwas, das ich nach dem furiosen Auftakt nicht mehr so richtig erwartet hatte. Doch Gunn findet sie. Über Umwege und anhand der Mission. Manchmal reicht halt auch ein Drink in der Nacktbar, um ein reizendes Teamgefühl zu erzeugen. Oder eine Ratte, um zu lernen, dass es für alles eine Bestimmung gibt.

Für all das empfinde ich ungeheuer viel Sympathie, die auch erheblich von einigen Figuren und ihren Darstellern getragen wird. Margot Robbie beherrscht ihre Harley inzwischen perfekt und ist abermals ein Genuss. Obwohl ihr Material etwas ausgereizt wirkt. Genau wie die Oberarme von Cena, der seine Talente aber so viel besser ausspielen darf als noch in FAST & FURIOUS 9. Und Elba hat endlich den Blockbuster erwischt, der seine Skills in breitem Umfang abruft. Er ist nicht der Gunslinger, den wir uns einst erhofft haben, aber der, den wir verdienen. Den er verdient. Was mich zum nächsten Applaus für Gunn führt. Er lässt nicht nur die großen Namen glänzen, sondern wieder mal auch die kleinen, eigentlich auf Gag geeichten, unbewussten. Die so mühelos am Arsch vorbeigehen können, aber ans Herz wachsen. So ein Rocket, Groot oder Drax. Hier heißen sie Ratcatcher 2, Polka-Dot Man und Nanaue. Oder eben Daniela Melchior, David Dastmalchian und Sylvester Stallone. Alle auf ihre Art hinreißend.

Aber es wird langsam Zeit, den Ballermann-Sack zuzumachen. Daher hoffe ich, dass die bisherige Textwand vermitteln konnte, dass Gunn die Sache hier auffallend gut im Griff hat. Dass er so weit wie möglich, aber nicht verloren geht. Dass sein Film albern, aber nicht dumm ist. Dass er seine Welt ernst nimmt, aber kaum etwas von dem, was darin geschieht. Dass er dabei weder seine Ursprünge noch die DC-Fans vergisst, indem er ein Cameo von Lloyd Kaufman und Easter-Eggs wie Corto Maltese, die S.T.A.R. Labs, den Calendar Man oder Flaggs gelbes Shirt verbaut. Dass er große Stars, Summen und Spektakel dirigiert, aber der Typ bleibt, der TROMEO & JULIA geschrieben hat. Dass sich dieses Quasi-Sequel wie eines dieser Kriegsabenteuer anfühlt, die weit vor Eisenmännern, Mutanten und Kryptoniern der heiße Shit waren. Und dass bei fast allem das Gefühl vorherrscht, dass Gunn hier wirklich machen durfte, was er wollte (außer Superman superbad machen, wie ich inzwischen durch den Kollegen Marco Risch weiß).

Ein letztes Hoorah geht noch raus an die Orts- und Zeitangaben, die so schön in die Bilder eingearbeitet werden. Viola Davis als knallharte Real-Life-Bedrohung Waller darf auch nicht fehlen. Sie ist so ernst und eisern; sie könnte locker in SICARIO mitspielen. Außerdem soll Elbas Überdruss, seine „For fuck’s sake“-Einstellung, ebenfalls einen Orden kriegen. Genau wie die Endschlacht: fast eine Stunde lang, überlegt im CGI-Umgang, verschachtelt gesteigert, und es werden sogar Häuser geboxt. Mit der beste Superhelden-Showdown seit CIVIL WAR. Und Peacemaker mag zwar nicht der subtilste Diss gegen die „At any cost“-Außenpolitik der Amerikaner sein, aber ich bin jetzt doch ein wenig gespannt auf seine Serie.

So bleibt mir nur eine Wiederholung: what a blast. Man spürt den Spaß, den alle hatten. Auch, weil sie so viel durften. Und er überträgt sich aufs Publikum. Im besten Fall im Kino. Mit einer Crowd, die Bock auf brutale und zielstrebige „Wo/men-on-a-Mission-Madness“ hat. Damit dies nicht der letzte Einsatz der Atomic Heroes oder Guardians of the Insanity war. Damit wir noch mehr dieser freien, verspielten, gewaltvollen Big-Budget-Bastarde kriegen. Damit das Comic-Kino (von DC) nicht zu schwer wird.

Filminfo

THE SUICIDE SQUAD
Originaltitel: The Suicide Squad (2021)
Genre: Action, Abenteuer, Komödie
Cast: Margot Robbie, Idris Elba, John Cena, Joel Kinnaman, Michael Rooker, Viola Davis
Regie: James Gunn
Kinostart: 5.8.2021
DVD-/Blu-ray-Release: 2.12.2021
Streambar: Sky Ticket, Sky Go; div. VoD-Anbieter

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