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„Uuuuuund CUT!“ – für viele Crew Mitglieder an einem Filmset bedeutet dieser Ausruf des Regisseurs das Ende einer meist wochenlangen, intensiven, knochenharten Zeit voller Überstunden, Nacht- und Nachdrehs oder sonstiger (mehr oder minder) widriger Umstände. Und für viele bedeutet dieses Ende auch der Abschied liebgewonnener Kollegen. Denn einen Film zu drehen, bedeutet viel mehr, als nur einen Film zu drehen. Denn jeder, der sich einst dazu entschieden hat, zum Film zu gehen, schwor einen inoffiziellen Eid. Nämlich, in (fast) jedes Projekt sein Herzblut zu stecken.

Man wünscht sich das bestmögliche Resultat. Und dann will man es der Welt zeigen.
Und da beginnt die nächste Hürde für den Regisseur des Films. Die Welt sieht nämlich nichts, wenn nicht ein Riesenapparat angeschmissen wird, um den fertigen Film ordentlich in Szene zu setzen. Und um das tun zu können, braucht man – genau – Geld. Die Inszenierung einer Veröffentlichung ist also mindestens genauso kreativ und aufwendig wie die Inszenierung eines Films selbst. In den USA fließen beispielsweise zehn Prozent des Budgets einer Filmproduktion ins Marketing. Manchmal gibt es weitere zehn Prozent obendrauf, wenn wirklich an den Film geglaubt wird.

Anders sieht es in Deutschland aus: Das ganze Geld ist meist schon bei Drehschluss aufgebraucht. Nicht, weil die Deutschen nicht mit Geld umgehen können, nein. Die Budgets hierzulande sind nämlich schlichtweg weit geringer als in Amerika. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber selbstverständlich ist ein Film wie DAS PERFEKTE GEHEIMNIS viel teurer als ein „gewöhnlicher“ deutscher Film. In diesem Fall stehen natürlich große Partner hinter dem Film, die alles daran setzen, ihr investiertes Geld zurückzubekommen und vor allen Dingen zu vervielfachen. Und wie machen die das? Genau: mit cleverem Marketing. Das ganze Land wird Wochen vor dem Kinostart mit Plakaten, Teasern und PR-Aktionen umspült. So sehr, dass man als Kinogänger einfach nicht drumherum kommt, sich den Film anzuschauen, weil einem das Gefühl vermittelt wird, man müsse ihn unbedingt sehen.

Dieses Glück haben leider nicht viele Filme. Die meisten von ihnen müssen sich damit begnügen, dass ihr Filmplakat in den Glaskästen der jeweiligen Kinos ausgestellt wird. Es läuft ein Trailer im Netz. Und … tja … das war’s auch schon. Mein lieber Kollege Michael sagt immer „Du kannst als Bäcker die besten Brötchen der Stadt backen, ohne Werbung kriegst du sie trotzdem nicht verkauft.“
Als „klein“ bezeichnet man Kinofilme, die unter eine Million Euro gekostet haben. Zum Beispiel ZOROS SOLO von Martin Busker. Vergangene Woche durfte ich die Berlin-Premiere moderieren und habe mich im Zuge dessen intensiver mit diesem Film beschäftigt als normalerweise. Denn: Hätte ich einen der Darsteller nicht gekannt, wäre dieser Film sehr wahrscheinlich komplett an mir vorbeigegangen. Aber er ist wirklich gelungen! Und umso tragischer, dass ihn nicht viele Menschen sehen können, weil sie nichts davon hören.

ZOROS SOLO wurde mit wenig Geld gemacht. Darunter leidet aber keineswegs die Qualität. In diesem Fall wurden geringere Gagen gezahlt und – so weit es ging – klug gewirtschaftet, sodass dieser Kinodebütfilm von Regisseur Martin Busker zumindest fertiggestellt werden konnte. Aber jetzt ist er fertig und für aufwendige Werbung leider kein Geld mehr übrig. Weniger als eine Million hat die Produktion verschlungen. Zum Vergleich: Ein Fernsehspielfilm, der im Abendprogramm läuft, kostet mehr.

Was kann man als kleiner Filmemacher also tun, damit der eigene Film auch gesehen wird? Zum einen kann man diverse Förderungen beantragen. Die werden aber nur zugesagt, wenn alle an diesen Film glauben. Also muss man vorab schon von sich reden machen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ihr merkt es, oder? Ein Teufelskreis entsteht.
Ihr fragt euch jetzt sicher, wie hoch solch eine Förderung ausfällt. Meist so zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Auch, wenn das für einen normalen Menschen zunächst viel klingt, ist es leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn dieses Geld ist schwuppdiwupp in alle Richtungen aufgebraucht. Ein viel gefeierter Film wie SYSTEMSPRENGER erhält schon weitaus mehr Verleihförderung. Ca. 150.000 Euro, also das Zehnfache, das ein kleiner No-Name-Film erhält, gab es für diesen Knallerfilm. Und weil er so gefeiert wird, gab es noch kostenlose Mediapräsenz oben drauf: Werbung im Fernsehen und was noch alles dazugehört.

Wer entscheidet eigentlich über die Zusage von Fördermitteln? Eine Jury, die man überzeugen muss. Und dann, wenn man denkt, man hätte sie auf seiner Seite, springen sie im letzten Moment eventuell doch ab. Und dann steht man da und muss versuchen, mit nahezu nichts alles zu erschaffen. Angst regiert nun einmal die Branche. Die wenigsten Produktionsfirmen und Verleiher in Deutschland haben das Kapital, einfach mal einen Film zu finanzieren. Sie können es sich nicht erlauben, voll an einen Film zu glauben. Das kann nämlich mächtig schiefgehen.

Kennt ihr den Film TRAUMFABRIK? Etwa neun Millionen Euro hat der Streifen gekostet! Es sollte das Studio-Babelsberg-Prestige-Projekt werden, über 400 Kopien gingen in die deutschen Kinos. Und jetzt Achtung: Der Film wurde von gerade einmal 130.000 Zuschauern angeschaut. Was war denn da los?! Eine finanzielle Katastrophe, die ganzen Firmen zum Verhängnis werden könnte. Und deshalb traut man sich als Geldgeber nicht so richtig und setzt lieber auf Altbewährtes. Und so sehen wir gefühlt immer wieder die gleichen Gesichter in den gleichen Filmen 2.0, 3.0, … 8.0.

Umso wichtiger ist es, mutigen Filmemachern unter die Arme zu greifen und beim Kinobesuch vielleicht einmal in den Schaukasten zu sehen. Denn da gibt es mit Sicherheit den einen oder anderen sehenswerten Film.
Unterm Radar.

Sou Boujloud

 

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