EIN GAUNER UND GENTLEMAN | Interview mit Robert Redford

Robert Redford ist eine Hollywood-Legende. Geboren am 18. August 1936 in Santa Monica, Kalifornien, hat der Schauspieler, Regisseur und Produzent in seiner einzigartigen Karriere an über 400 Filmproduktionen mitgewirkt. Nach knapp 60 Jahren im Geschäft, in denen Redford mit Meilensteinen wie ZWEI BANDITEN (1969), DER CLOU (1973), DER GROSSE GATSBY (1974), DIE UNBESTECHLICHEN (1976), EINE GANZ NORMALE FAMILIE (1980) oder ALL IS LOST (2013) Geschichte schrieb, soll nun Schluss sein. Zumindest vor der Kamera.

In David Lowerys Krimikomödie EIN GAUNER & GENTLEMAN (THE OLD MAN AND THE GUN) verabschiedet sich der Oscar-/Golden-Globe-Gewinner, Ritter der Ehrenlegion, Sundance-Film-Festival-Gründer, Träger der US-Freiheitsmedaille und Umweltschützer so von der Leinwand, wie wir ihn über Jahrzehnte kennen- und liebengelernt haben: charmant, spitzbübisch und leidenschaftlich. Dabei unter anderem an seiner Seite: Casey Affleck (MANCHESTER BY THE SEA), Sissy Spacek (CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER), Danny Glover (LETHAL WEAPON) und Musiker Tom Waits.

In einem seiner seltenen Interviews spricht Robert Redford mit uns über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vorhang auf für einen wahren Gentleman!

Was uns einlädt zu träumen

Robert Redford ist ein sehr privater Typ. Gerüchte wollen wissen, dass er bei seinen Erste-Klasse-Flügen immer auch den Platz neben sich bucht, um dem potentiellen Gelaber mit einem Sitznachbar zu entgehen.

Ski-Exkursionen, Segeltörns oder wochenlange, meditative Ausritte in den menschenleeren Rocky Mountains sind sein Ding. Deshalb sein Kauf einer ganzen Bergkette in Utah, als er 1970 durch ZWEI BANDITEN (BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID) zu Geld kam. Er nannte das Gelände „Sundance“ und gründete dort das Sundance Film Festival. Aber das sieht ihn nur sporadisch. Selbst, als meine Presse-Organisation ihm einen speziellen Golden Globe für sein Lebenswerk aushändigen wollte, ließ er sich entschuldigen.

Redfords Ausblick auf das wohl bekannteste Gelände “Sundance” in Utah

Interviews? Fragt man bei Robert Redfords Management um ein Interview, kommt bestenfalls Sarkastisches wie etwa: „Schade, dass du keine Aktfotos vom Papst haben willst, die könnten wir dir leichter beschaffen.“

Aber irgendwann klappt es dann halt doch (mit Redford, nicht mit dem Papst), und zwar in einer Ratio von etwa 3 zu 20: drei Interviews in 20 Jahren. Für den Film EIN GAUNER & GENTLEMAN kam der Eremit mal wieder runter von seinem hohen Berg. Meine Vermutung ist, weil er a) „nach meinen 60 Jahren vor der Kamera“ seinem Film und damit seinem Lebenswerk als Schauspieler zu einem Happy End verhelfen will und b) weil er jetzt, in seinen Achtzigern, gelernt hat, „besser mit mir selbst umzugehen“.

Halt. Das muss Robert Redford erklären.

Seine Antwort grenzt an Redenslust: „Als Kind hatte ich Kinderlähmung. Glücklicherweise eine milde Form. Als ich sie einigermaßen überwunden hatte, schenkte mir meine Mutter einen Trip, zum ersten Mal raus aus Los Angeles. Und zum ersten Mal wilde, grenzenlose Natur. Ich wollte diese Landschaft nicht anschauen, ich wollte mittendrin sein.“

Redford flüchtete in Tagträume. Vor allem in der Schule. Unter dem Pult, versteht sich, fing er an zu zeichnen. Flugzeuge werfen Bomben auf Cowboys, die auf Indianer schießen. Die historisch verwirrte Fantasie eines Nachkriegs-Kids. Die Lehrerin erwischte ihn. Schock. Jetzt kommt der Weltuntergang. Aber die Lehrerin schaute lange auf seine Zeichnungen und schlug einen Deal vor: Du konzentrierst dich auf den Unterricht und ich garantiere dir Zeit und Material für eine tägliche Zeichnung für die Klasse.

„Ohne diese wunderbare Lehrerin wäre ich nie das geworden, was ich heute bin“, sagt er. Als ambitionierter Jungkünstler driftete er durch Europa. Aber dann, zurück in den Staaten, rutschte er irgendwie in die Welt des Schauspielens.

Wegen seines Aussehens?

Mann, er war die Beauty-Sensation seiner Generation. Aber: „Ich hatte keine Ahnung. Ich? Attraktiv? Im Gegenteil, ich hatte rote Haare und zu lange Zähne. Aber einmal, nach einer Filmpremiere oder sowas, wurde ich plötzlich umringt von kreischenden Frauen, die mir die Klamotten vom Leib reißen wollten. Was wollt ihr von mir? Was wollt ihr von mir? Ich mochte mich danach nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen.“

Robert Redford als Jay Gatsby in DER GROßE GATSBY (1974)

Robert Redford war der ultimative Cover Boy der Siebziger-/Achtzigerjahre. Jetzt sind Falten und Runzeln unübersehbar in sein 82-jähriges Gesicht gekerbt. Und das ist für ihn, wie er sagt, eine Erlösung. Nicht mehr Robert Redford, The Pretty Boy. Jetzt ist er – hier bitte das große Aufatmen einblenden – the Old Man. Und den Originaltitel des Films, THE OLD MAN AND THE GUN, findet er „perfectly okay“.

Warum, Bob Redford, hast du dir diese Rolle als deine letzte ausgesucht? Warum einen Ganoven, einen halbseidenen Knastbruder?

„Die Frage verstehe ich nicht. Waren meine besten Rollen nicht alle auf der dunklen Seite des Gesetzes? DER GROSSE GATSBY, DER CLOU, BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID – das war immer Fun.” Der Grund, warum er sich speziell mit diesem Film verabschieden wollte, waren der Spaß, die positive Lebensenergie, die Chance, das Publikum mit einem Lächeln aus dem Kino zu schicken. Vor allem in dieser problemgeladenen Zeit.

Warum nicht ein Film mit einer herausfordernden, meinetwegen aggressiven, politischen Aussage?

„Nicht so meine Sache“, sagt er. „Propaganda-Filme mag ich nicht. Aber Filme, die politische Themen aufgreifen und einen klaren Standpunkt vertreten, sind ganz, ganz wichtig. Darf ich dich erinnern, dass ich in einem Film einen der Journalisten spielte, dessen Recherchen mithalfen, Nixon zu Fall zu bringen?“ (DIE UNBESTECHLICHEN/ALL THE PRESIDENT’S MEN)

Robert Redford und Dustin Hoffman in DIE UNBESTECHLICHEN (1976)

Das war 1976. Zugegeben, eine Weile her. Und jetzt ist wirklich Schluss? „Man soll niemals niemals sagen“ – wie oft haben wir das schon gehört? Aber er winkt ab. Er sei genauso schlecht darin, seine Zukunft zu projektieren wie seine Vergangenheit zu überblicken. „Ich lebe in meiner eigenen Gegenwart.“ Er werde auf jeden Fall weiter Filme machen, aber eher als Produzent und Regisseur. Sein nächstes Projekt sei kurz vorm „Green Light“.

Ich frage ihn, wie sich seiner Meinung nach die Filme in seinen 60 Filmjahren verändert haben. „Das Wichtigste in jedem Film ist für mich die Story. In letzter Zeit finde ich, dass die aktuellen Computer-Innovationen so viele visuelle Effekte erlauben, dass die Story oft in den Hintergrund gerät.“

Schön zu hören, dass er tatsächlich gelernt hat, „besser mit mir selbst umzugehen“. Er lässt mich rein in seine Kindheit, wenn er unter anderem sagt: „Wie haben du und ich und alle Kinder emotional reagiert, wenn uns jemand, unsere Mutter oder einer unserer Großeltern, die Bettdecke bis zum Kinn hochzogen und dann die magischen Worte sagten: Es war einmal … Und wir wussten: Jetzt kommt etwas Aufregendes, Spannendes; etwas, was uns einlädt zu träumen. Und genau diese Wirkung sollte auch ein Film haben.“

Elmar Biebl

1 Kommentar
  1. Filmfisch
    Filmfisch Kommentar

    Dustin Hoffman.

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