Kino-Shutdown: Was das mit unserer gewohnten Filmegucker-Welt macht | SPECIALS

Stephan Temp: PortätbildBildlich gefragt: Was war eigentlich zuerst da? Das Ei? Oder die Henne? In unserem Fall: Stellen die Filmstudios das Drehen ein und verschieben eine Premiere nach der anderen, weil momentan gar keiner mehr da ist, der ihre Filme in Kinos sehen würde? Oder schließen die Kinos ihre Türen, weil ja bis auf Weiteres eh nichts Nennenswertes mehr nachkommen dürfte, wofür das Publikum bereit wäre, sein Eintrittsgeld zu bezahlen? Wurscht. Es ist passiert. Corona. Es ist etwas, was wir nicht ändern können. Das Kino übrigens auch nicht. Noch mal: Dieses Mal WIR wirklich nicht … ganz im Gegensatz etwa zu unserem Zutun zum Klimaschutz oder unserem Umgang mit bei uns Hilfesuchenden. Führt vielleicht ein wenig vom Thema weg. Aber kann man ja trotzdem ruhig mal erwähnen. Ist ja gerade eine gute (und reichlich) Zeit zum Nachdenken.

Zum Beispiel darüber, dass hinterher nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Phrase? Klar. Andererseits: So, wie es jetzt ist, war es ja auch noch nie. Medizinisch. Sozial. Leider – wahrscheinlich – auch wirtschaftlich. Das Positive: Es bleibt Zeit zum Entschleunigen. Zum Versäumtes nachholen. Zum sich neu orientieren. In diesem Fall kommen gleich alle drei zusammen: Im Moment ist die Zeit, um auch mal tiefergehenden Gesprächsrunden statt oberflächlichen Trailern zu folgen. Ist die Zeit, euch endlich mal das zu zeigen, was wir euch schon lange zeigen wollten. Und mit Neuorientierung hat es auch was zu tun. Nämlich der der deutschen Produzentenlandschaft. Der sich – zwar nicht erst seit gestern, aber so lange ist der Startschuss nun auch wieder noch nicht verhallt – mit dem Auftritt neuer Player ganz neue Perspektiven bieten. Zu mutigeren Stoffen. Der Chance für neue Gesichter vor und neue Köpfe hinter der Kamera. Für mehr Leidenschaft und Liebe beim Filmemachen. Das Beste: Die alten Player fühlen sich von den neuen herausgefordert. Können seit einiger Zeit auch anders. Jetzt. Auf einmal.

Ganz heißer Stoff: eine Podiumsdiskussion vom LOLA-Festival. Wird es nicht noch mal geben. Weil es kein LOLA-Festival mehr geben wird

Wir haben gerade erst 2020. Und doch kommt einem 2018 schon soooo lange her vor. Bei DIESEM Thema. Der Neuorientierung einer Branche. Von Regisseuren, Drehbuchautoren, Produzenten, Darstellern. Von BAD BANKS war gerade die erste Staffel gelaufen. Bis zum Streaming-Start von DOGS OF BERLIN sollten noch siebeneinhalb Monate ins Land gehen. Sky hatte Staffel 1 von BABYLON BERLIN bereits einem (extra) zahlenden Publikum gezeigt; das normale Volk musste sich noch bis Ende September gedulden. Und DIE PROTOKOLLANTIN, das vielleicht in dieser Runde konventionellste Produkt, feierte erst im Oktober jenen Jahres Premiere im ZDF. Am 21.4.2018 standen die Zeichen für heutige Verhältnisse also noch ziemlich auf Anfang, als sich Lisa Blumenberg (Idee und Produktion BAD BANKS), Hendrik Handloegten (Drehbuch und Regie BABYLON BERLIN), Nina Grosse (Drehbuch und Regie DIE PROTOKOLLANTIN) und Christian Alvart (Drehbuch und Regie DOGS OF BERLIN) beim LOLA-Festival auf dem Podium versammelten. Heute noch spannend zu hören, wie sie die Dinge damals noch – schon? – sahen. Über noch junge Erfahrungen räsonierten und über noch Kommendes visionierten. Wir freuen uns, euch das noch einmal zeigen zu können. Auch, weil es in diesem Jahr vor dem Deutschen Filmpreis kein LOLA-Festival geben wird. Was nichts mit Corona zu tun hat. Und deswegen auch doppelt schade ist.

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Tja. So war das. Vor gerade mal zwei Jahren. Mittlerweile sprechen wir von „Stream Wars“. Wobei da, da hat Elmar Biebl ja gerade erst darüber gesprochen, momentan „Waffenstillstand“ herrscht. Denn auch bei Netflix & Co. steht die Produktion. Zum Schutz der eigenen Mitarbeiter. Und der eigentlich gerade stattfindenden Filmproduktionen.

Dabei haben Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, Hulu, Apple TV+ und wie sie alle heißen ja nun nicht das Problem des Kinos. Ihr Publikum sitzt zu Hause. Hoffentlich sicher. Und dank des unverhofften Zeit-Budgets auch mit großem Film- und Serienhunger. Netflix veröffentlicht auf Instagram gerade: „Herzlichen Glückwunsch an alle, die es geschafft haben, ihre Watchlist durchzuschauen. Also niemand.“ Kinder: Beruft’s nicht!

Eines aber kann man sagen, muss man sagen: Dieser IST-Zustand ist ein Stresstest für alle. Für die Streaming-Anbieter. Werden sie am Schluss, in einigen Wochen oder Monaten, als die noch größeren Gewinner dastehen? Oder auf Normalmaß zurechtgestutzt werden, ihren Glorienschein ein Stück weit verlieren, nachdem wir – so Gott hoffentlich nicht will – es dann doch geschafft haben, unsere Watchlists durchzuschauen? Aber auch für die – speziell in diesem unseren Land – unverdrossenen DVD- und Blu-ray-Bedampfer. Machen uns Zeiten wie diese wieder verstärkt zu Jägern und Sammlern, anstatt zu Just-in-Time-Guckern? Oder das gute alte Fernsehen – ob nun digital oder linear. Zu sehen gibt es da – zumindest an Kinofilmen – ganz schön viel. Und auch vieles, was nicht gestreamt wird oder nicht (mehr) als DVD- oder Blu-ray zu kaufen gibt. Nicht umsonst halten wir bei FredCarpet so eisern an unseren WEEKEND- und COUCH-TIPPS fest. Und – ja! – auf jeden Fall für das Kino.

Irgendwann wird das seine Ticketschalter wieder öffnen. Und dann wird es sehen, ob es die Probe bestanden hat. Ob es nicht – wie gerne immer mal wieder kolportiert wird – nun gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Aber vielleicht freuen wir uns ja auch wie Bolle. Auf das Gemeinschaftserlebnis. Auf große Leinwände. Guten Klang. Das für Stunden mal Abtauchen können in eine andere Welt.

Vielleicht nutzt ja auch das Kino die „freie“ Zeit zum Entschleunigen. Dazu, Versäumtes nachzuholen. Sich neu zu orientieren. Vielleicht präsentiert sich uns im Jahr 1 n. C. ja ein ganz anderes Kino. Mit mehr Diversität auf der Leinwand. Weniger Angstbeißen gegenüber den Streaming-Plattformen (Fernsehen, Videokassetten und Videotheken habt ihr doch überlebt). Vielleicht umfasst das Angebot dann mehr als teure Tickets, das Leinwandvergnügen schmälernde Käse-Nacho-Emissionen und das seit Jahrhunderten immer gleiche Popcorn.

By the way: Der für Popcorn unabdingbare Mais wurde zum ersten Mal zwischen 4.700 und 3.300 v. Chr. im heutigen Mexiko kultiviert. Also in dem Land, aus dem auch Guillermo del Toro, Alfonso Cuarón und Alejandro González Iñárritu kommen. Wir googeln mal. Nach Zusammenhängen.

Zeit genug haben wir ja.

Thanx. We will – ihr Yorck-Kinos!

Serieninfos:

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DOGS OF BERLIN
Originaltitel: Dogs of Berlin
Genre: Dramaserie
Darsteller: Felix Kramer, Fahri Yardim, Anna Maria Mühe, Katharina Schüttler, Kathrin Saß, David Bennent, Sinan Fahrhangmehr, Mohamed Issa
Regie: Christian Alvart
Streambar: bei Netflix

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BAD BANKS
Originaltitel: Bad Banks
Genre: Dramaserie
Darsteller: Paula Beer, Barry Atsma, Albrecht Schuch, Mai Duong Kieu, Désirée Nosbusch, Tobias Moretti, Jörg Schüttauf, Marc Limpach, Jean-Marc Barr
Regie: Christian Schwochow (Staffel 1), Christian Zübert (Staffel 2)
DVD-/Blu-ray-Release: 6.2.2020 (Staffel 1 + 2)
Streambar: bei Netflix (Staffel 1), Arte (Staffel 1 + 2)

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BABYLON BERLIN
Originaltitel: Babylon Berlin
Genre: Dramaserie
Darsteller: Liv Lisa Fries, Volker Bruch, Peter Kurth, Matthias Brandt, Severija Janušauskaitė, Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt
Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries, Henk Handloegten
DVD-/Blu-ray-Release: 19.10.2018 (Staffel 1 + 2)
Streambar: bei Sky Go (Staffel 1-3), Sky Ticket (Staffel 1-3)

 

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