Under The Silver Lake: Kritik | KINO TO GO

UNDER THE SILVER LAKE ist selbstverständlich von Weltkino und nicht Kinowelt, da war ein Dreher bei uns, aber ihr sollt die Folge trotzdem schon heute haben.

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über die SOUTHLAND TALES. Anlässlich des neuen Films von David Robert Mitchell: UNDER THE SILVER LAKE. Eben, weil er ein Film über Geschichten ist, ohne eine wirklich eigene Geschichte zu haben. Und weil er beim Zuschauer so leicht gewinnen wie gnadenlos scheitern kann. So viele sind schon gescheitert. Weil sie ihren Drehplan nicht einhielten, Budgets zu arg in die Höhe trieben, sich mit Kollegen oder dem Studio verkrachten, zu wenig Dunst von einer bestimmten Materie hatten oder eben einfach zu viele Ambitionen hegten. Nicolas Winding Refn hatte FEAR X, Costner ging mit seiner WATERWORLD baden, und EINER MIT HERZ trieb Coppola in die Insolvenz.

Doch UNDER THE SILVER LAKE hat mich vor allem an einen Film erinnert: SOUTHLAND TALES von Richard Kelly. Nicht wegen dem, was er erzählt, sondern aufgrund dessen, was er ist: der zweite Film nach einem gefeierten Regiedebüt. Einer, der voller Hintergrundinformationen, Hoffnungen und Ehrgeiz steckt. Und ebenfalls einer, der an den Kinokassen wie bei den Kritikern hart auf die Schnauze fiel. Aber das eben auch nicht grundlos. Kelly war 2001 der heißeste Filmemacher-Shit. Ein so genanntes Wunderkind, umjubelt für sein Erstlingswerk DONNIE DARKO. Der wurde unter anderem von Drew Barrymore produziert, war an den Kinokassen kein Hit (was auch an der im Film abstürzenden Flugzeugturbine lag), entwickelte sich aber im Heimkino zum Kult. Eben, weil er so schön zum Diskutieren und Philosophieren anregt. Weil er so bunt und passend besetzt ist. Oder weil er ziemlich vielen Menschen aus der Seele sprach, ohne dass alle so völlig verstanden, was er da eigentlich alles erzählte. Dazu zähle ich mich auch.

Und dann kamen die Produzenten. Und die Angebote (Kelly sollte unter anderem X-MEN: THE LAST STAND inszenieren). Und das Geld. Hollywood hatte die Profitbrille auf – und sie war dank Schnappatmung bis zum Rand beschlagen. Also ließ man ihn für sein nächstes Projekt frei schalten und walten – mit einem inzwischen legendären Ergebnis. Nach vier Jahren Vorbereitung, Produktion, einer reinen Drehzeit von 29 Tagen und Nachbearbeitung war es so weit. Kelly präsentierte am 21. Mai 2006 die SOUTHLAND TALES auf dem Festival in Cannes. Eine postapokalyptische Satire mit etwas mehr als 160 Minuten Laufzeit. Mit Dwayne Johnson als Filmstar, der keine Erinnerung an die letzten drei Tage hat. Mit Sarah Michelle Gellar als Pornostar, Medien-Hit und Sängerin, die mit Johnsons Figur ein Drehbuch schrieb, das vom Ende der Welt handelt. Mit Sean William Scott in einer Doppelrolle, die eben diese Apokalypse herbeiführen soll. Mit einem atomaren Anschlag, der Amerika in einen totalitären Überwachungsstaat verwandelt. Mit einem irren wie deutschen Baron, der aus der Kraft des Ozeans eine alternative Energiequelle namens „Fluid Karma“ erzeugen kann, welche wiederum Risse im Raum-Zeit-Kontinuum hervorruft. Mit Atompilzen, Mega-Zeppelinen, Kriegen im Ausland, Neo-Marxisten oder Straßen-Aufständen. Und mit einem Justin Timberlake, der zu „All These Things That I’ve Done“ von The Killers eine Musical-Einlage im Drogenrausch vollführt. Eine wirklich herrliche Szene, wie ich finde.

Nur: Das war alles zu viel für Cannes. Der Film wurde ausgebuht, ausgepfiffen und von der Kritik ausgezählt. Das war nachvollziehbar. Denn Kelly wollte zu viel und überschätzte sein Publikum. SOUTHLAND TALES sollte ein multimediales Ereignis sein. So gab es eine Website zum Film, die eine Menge Hintergrundinformationen enthielt. Und es gab drei Comics oder Graphic Novels (TWO ROADS DIVERGE, FINGERPRINTS, THE MECHANICALS), die die Vorgeschichte zum Film erzählen – und somit erklären, warum der Streifen selbst in die Kapitel IV, V und VI unterteilt ist. Mit all dem hätte man SOUTHLAND TALES besser verstehen sollen und können. Nur hatte man von all dem in Cannes offenbar nicht allzu viel mitbekommen. Und es kam noch ein Drama hinzu: Der Film war noch nicht fertig. Der Schnitt wie auch die Spezialeffekte befanden sich „noch in Arbeit“. Aber SOUTHLAND TALES sollte eben im offiziellen Wettbewerb laufen. Neben Sofia Coppolas MARIE ANTOINETTE und FAST FOOD NATION von Richard Linklater. Eine solche Einladung lehnt man als junger Filmemacher verständlicherweise nicht ab. Kelly hätte es tun sollen.

Da stand er nun. Mit dieser fantasie- und genrevollen 9/11-Anklage, die ohne all die Bezugspunkte (Familie, Teenager-Zeit, Schule, Vorstadt) auskommen musste, mit denen DONNIE DARKO so viele Herzen erobert hatte. Die viel zu lang war und viel zu wenig erklärte. Und die noch auf der Suche nach nicht amerikanischen Verleihern war, obwohl schon so viele andere Firmen Geld reingepumpt hatten (zum Beispiel Universal oder Wild Bunch). Aber Kelly wollte nicht aufgeben. Also rang er Sony, einem weiteren Mitspieler im Vertriebsgeschäft, ein wenig Extra-Budget ab und überarbeitete sein Werk. Ungefähr 18 Monate lang und mithilfe von umsonst arbeitenden Studenten wurden die Effekte vollendet, ein paar Szenen nachgedreht und eine erklärende Erzählerstimme über den Film gelegt. Außerdem wurde der Film um gut 20 auf eine Laufzeit von 144 Minuten runtergekürzt. Zusatzkosten: knapp eine Million Dollar. 17,5 Millionen hatte die Produktion bereits verbrannt.

Die neue Fassung ging im November 2007 mit rund 50 Kopien und fast ohne Marketing-Budget an den Start. Und es gab eine kleine Hoffnung, dass sie an den Kinokassen nicht völlig versinken würde. Denn Johnson, Gellar und Scott hatten Bock auf den Film und wollten ihn so gut es geht bewerben. Zum Beispiel durch ihre Auftritte bei diversen Talkshows wie Letterman, Jimmy Kimmel oder Saturday Night Live. Doch wieder wollte das Schicksal nicht mitspielen: Eben auch im November rief die Writers Guild of America, die Autoren-Gewerkschaft, zu einem unbefristeten Streik auf, der bis zum 12. Februar 2008 andauerte. Diverse Serien, Filme oder TV-Shows wurden auf Eis gelegt oder eingestellt. Zum Beispiel auch Saturday Night Live. So konnte niemand den Film bewerben. Und letztendlich spielte SOUTHLAND TALES rund 275.000 Dollar ein.

Leider konnte sich SOUTHLAND TALES auch im Heimkino nie wirklich die gleiche Reputation wie DONNIE DARKO erarbeiten. Dafür ist er dann vielleicht doch zu sperrig. Dafür ist der Grat zwischen Meisterwerk und Murks, auf dem er wandelt, doch zu schmal. Und dafür hat er zu wenig Spuren hinterlassen. Aber ich hoffe, ich konnte euch ein wenig Lust auf den Film machen oder Interesse an ihm wecken. Zumindest als Beispiel für den gelegentlichen Größenwahn, zu dem Hollywood immer mal wieder fähig ist, hat er eine Sichtung verdient. Aber auch, weil er so unvorhersehbar, so skurril, so unkonventionell, zwischendurch immer wieder faszinierend oder einzigartig ist. Genau wie der Film, um den es oben im Video geht. Zu dem will ich hier natürlich noch nicht zu viel verraten.

Nur muss ich dann doch noch ein Zitat aus meiner Letterboxd-Review bringen. Ich schrieb: „Jetzt schlug IT FOLLOWS zwar nicht so ein wie DONNIE DARKO, aber UNDER THE SILVER LAKE scheitert auch nicht so hart an den Ambitionen seines Regisseurs wie SOUTHLAND TALES.“ Das ist nur teilweise richtig und mehr im ideellen Sinn gemeint. IT FOLLOWS war an den Kinokassen erfolgreicher als DONNIE DARKO. Er hat mehr eingespielt und weniger gekostet. Aber er hat eben nicht so einen Kult oder Stellenwert erreicht. SOUTHLAND TALES hat dagegen an den US-Kinokassen weit mehr eingespielt als UNDER THE SILVER LAKE, aber eben auch fast doppelt so viel gekostet. Doch meiner bescheidenen Meinung nach: Ich finde UNDER THE SILVER LAKE ist der bessere, weil eben „rundere“ Film. Was ich damit genau meine oder wie sich das aufgliedert, erfahrt im oben im Video. Viel Spaß.

Schröcks Kritiken und Wertungen auf Letterboxd

UNDER THE SILVER LAKE

UNDER THE SILVER LAKE
Originaltitel: Under The Silver Lake
Genre: Thriller, Komödie
Darsteller: Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace
Regie: David Robert Mitchell
Kinostart: 6.12.2018
Blu-ray-/DVD-Veröffentlichung: 12.4.2019

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